Erholung mit Hindernissen

Dr. Jürgen Michels, BayernLB
Dr. Jürgen Michels / Bild: BayernLB
Die BIP-Zahlen für das zweite Quartal haben in vielen Ländern die schlimmen Befürchtungen übertroffen und machen die tiefste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg amtlich. Die seit Mai kontinuierlich verbesserten Stimmungsindikatoren und steigende Aktivitätsdaten signalisieren jedoch ein schnelles Ende der Rezession. Wegen der beschleunigten Ausbreitung des Virus und der erneuten Verschärfung der Schutzmaßnahmen in einigen Regionen (auch in Europa) dürfte die Erholung nur schleppend verlaufen und bleibt mit großer Unsicherheit behaftet.

Eine kurze und heftige Rezession

Aufgrund des Kollapses im zweiten Quartal haben wir unsere BIP-Prognosen für den Euro-Raum und Deutschland für 2020 auf -8,7 Prozent bzw. -6,3 Prozent nach unten revidiert. Ein Teil dieses BIP-Einbruchs dürfte aber bereits im dritten und vierten Quartal korrigiert werden. Damit startet das Jahr 2021 dann mit einem höheren statistischen Überhang und dürfte mit 3,9 Prozent im Euro-Raum und Deutschland stärker wachsen als wir zuvor angenommen haben. Wir gehen also weiterhin von einer kurzen und heftigen Rezession aus, der nach einem initialen Rückprall eine nicht überbordende Erholung folgt. In unseren 5-Jahresprognosen, die neben den kurzfristigen Auswirkungen der Corona-Pandemie auch die durch das Virus ausgelösten Strukturveränderungen berücksichtigt, prognostizieren wir ab 2022 eine geringere Wachstumsdynamik. In diesem Szenario dürfte das Vorkrisenniveau vielerorts erst 2023 erreicht werden und die Inflation aufgrund der Nachfrageschwäche in den kommenden Jahren niedrig bleiben. Auf mittlere Sicht besteht jedoch das Risiko, dass die massiv aus-geweiteten Zentralbankbilanzen in höherer Inflation münden.

Schwierige Rückkehr zu soliden Staatsfinanzen

Auf Sicht der kommenden 12 Monate und der nächsten fünf Jahre erwarten wir eine Aufwertung des Euros gegenüber dem Dollar. Diese Prognose fußt zum einem auf einer Korrektur des im Vergleich zur Kaufkraftparität überbewerteten Dollar. Sie spiegelt aber auch ein größeres Vertrauen der Investoren in die Stabilität der Währungsunion wider, die durch die Einigung auf den Wiederaufbaufonds gestärkt wurde. In der Tat wurde damit ein weiterer Schritt zur Vergemeinschaftung gegangen, der ein Aufbrechen der Währungsunion noch kostspieliger macht. Da es aber weiterhin keine klaren Governance-Regeln gibt, wird die Rückkehr zu soliden Staatsfinanzen noch schwieriger.
Dr. Jürgen Michels ist seit Oktober 2013 Chefvolkswirt und Leiter Research der BayernLB in München. Vor seinem Start bei der BayernLB arbeitete er zwischen 2002 und 2013 als kapitalmarktorientierter Euro-Raum Volkswirt bei der Citigroup in London, seit  2008 als Euro-Raum Chefvolkswirt. Von 1997 bis 2002 war er als Volkswirt bei Sal. Oppenheim in Köln und von 1996 bis 1997 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Internationale Wirtschaftspolitik der Universität Bonn tätig. Dr. Michels studierte Volkswirtschaft an der Universität Bonn. Er promovierte mit einer Arbeit zu Zentralbankstrategien an der Universität Frankfurt.
Seit neuestem gibt es Analysten von Dr. Michesl auch auf dem Video-Blog der BayernLB unter dem Stichwort: "Auf einen Espresso mit.... Jürgen Michels!".