Die Aktie bleibt alternativlos: Welche Argumente für weiter steigende Kurse sprechen

Adrian Roestel, Huber, Reuss & Kollegen Vermögensverwaltung
Adrian Roestel / Bild: Huber, Reuss & Kollegen Vermögensverwaltung
Die internationalen Aktienmärkte sind im Rally-Modus. Vor wenigen Tagen durchbrach der Nasdaq-100-Index erstmals die 11.000-Punkte Marke und markierte ein neues Rekordhoch. Auch Dow Jones und S&P 500 bewegen sich in Richtung ihrer alten Höchststände. Speziell im Technologiesektor sind enorme Kursgewinne zu beobachten. So hat die Tesla-Aktie in den ersten zwei Juliwochen um mehr als 50 Prozent zugelegt. Der kalifornische Konzern ist damit mehr wert als alle anderen globalen Autohersteller zusammen. Entsprechend hoch ist die Bewertung vieler Aktien gestiegen. Doch das scheint viele Anleger nicht zu stören. Im Gegenteil. Der Boom an den Aktienmärkten führt dazu, dass viele Kleinanleger in den USA und in Europa massenhaft neue Depots eröffnet haben. Oft ist dies ein untrügliches Zeichen dafür, dass sich eine riesige Blase bildet. Ist dies in Zeiten von Corona wieder der Fall?

Ist der Boom fundamental gerechtfertigt?

Fundamental gerechtfertigt scheint die gute Marktentwicklung nicht zu sein. Die Industrieauslastung und -produktion in den USA und Europa verzeichnet starke Rückgänge und viele Unternehmen haben ihre Prognosen für 2020 mit Verweis auf die hohe Unsicherheit gestrichen. Die Weltwirtschaft ist weit entfernt von einer V-förmigen Erholung. So erwartet die Weltbank, dass die globale Wirtschaft dieses Jahr um 5,2 Prozent schrumpft. Zwar profitieren diverse Branchen wie Laborausrüster, Internethändler, Lieferdienste oder auch Digitalisierungsspezialisten von den Folgen der Pandemie, doch viele andere leiden beträchtlich. Ob Tourismus-, Luftfahrt- oder Autoindustrie – die Umsätze bei diesen Unternehmen sind noch weit entfernt von früheren Niveaus und werden es wohl auch noch lange Zeit bleiben.

Hoffen auf 2021?

Warum steigen also die Aktienmärkte dermaßen stark? Haben die Investoren die schlechten Unternehmensergebnisse für 2020 schon abgehakt und hoffen auf wesentliche Verbesserungen in 2021? Mit Sicherheit kann man sagen, dass die Maßnahmen der Notenbanken und die staatlichen fiskalpolitischen Unterstützungen die Haupttreiber für die Rally sind. Die historisch beispiellosen Konjunkturpakete vieler Staaten übertreffen bei weitem die Maßnahmen, die die Länder in der Finanzkrise 2008/2009 getroffen hatten. Schätzungen zufolge liegen die Umfänge der Unterstützungspakete inklusive staatlicher Garantien um das Fünf- bis Zehnfache über dem Volumen früherer Hilfsmaßnahmen.

Kommt die Wirtschaft in Fahrt?

Darüber hinaus spielen die zuletzt leicht verbesserten Wirtschaftsdaten in China, Europa und den USA eine wichtige Rolle. Die weltweiten Lockerungen der Coronabeschränkungen und die Aussagen vieler Regierungen nähren die Hoffnung, dass die Wirtschaft in vielen Teilen der Welt wieder langsam in Gang kommt und das Schlimmste hinter uns liegt. Dass vielerorts die Fallzahlen als Folge der Lockerungen wieder stiegen, sei es auf Mallorca, in Florida oder Kalifornien, wird an den Aktienmärkten weitestgehend ausgeblendet. Viele Investoren gehen davon aus, dass bei weiter steigenden Fallzahlen ein kompletter Shutdown ausbleiben und es stattdessen lokal begrenzte Maßnahmen geben wird. Wirtschaftlich wäre dies verkraftbar. Zudem besteht die Hoffnung, dass in absehbarer Zeit ein Impfstoff zur Verfügung steht.

Zinsen bleiben niedrig

Ein weiterer wichtiger Grund, der die Aktienmärkte anschiebt, ist das extrem niedrige Zinsniveau in den USA und Europa. Laut Aussage des Chefs der US-Notenbank, Jerome Powell, wird sich daran bis mindestens 2022 (und wahrscheinlich noch viele Jahre darauf) nicht viel ändern. Auch in Europa werden wir wohl dauerhaft mit extrem niedrigen Zinsen leben (müssen). Aus Sicht der Notenbanken ist die Nullzinspolitik notwendig, um die Wirtschaft anzukurbeln mit dem Ziel, eine gemäßigte Inflation zu erreichen. Hinzu kommt: Angesichts der massiven Verschuldung vieler Staaten (und Unternehmen) würden höhere Zinsen die Rückzahlung der Schulden massiv erschweren oder zum Teil gar unmöglich machen. Eine neue Schuldenkrise wäre die Folge.

Kaum Alternativen zur Aktie

Hinzu komm: Alternativen zur Aktie, um auskömmliche Renditen zu erwirtschaften, gibt es kaum. Gold scheidet unter diesem Gesichtspunkt aus, da es keine Zinsen abwirft. Das Sparbuch ebenfalls. Und im Rentenbereich überwiegen die Risiken. Viele Unternehmen mit geringer Bonität haben Anleihen platziert. Sollte sich die wirtschaftliche Situation verschlechtern, ist mit einer erhöhten Insolvenzquote zu rechnen – viele Anleihegläubiger würden dann nur einen Bruchteil ihres investierten Kapitals wiedersehen. Gleichzeitig bieten Anleihen, wenn überhaupt, nur noch eine minimale Verzinsung. Berücksichtigt man noch die hohen Spreads zwischen An- und Verkaufspreis, ist die Rendite meist negativ. Also viel Risiko und wenig Zins.

Volatilität aushalten

Mit Aktien beteiligt sich der Investor an produktiven Unternehmen. Langfristig orientierte Investoren setzen auf qualitativ hochwertige Unternehmen, die ein attraktives Geschäftsmodell, gutes Management, eine hohe Eigenkapitalrendite und eine geringe Verschuldung aufweisen. Zudem zahlen substanzstarke Unternehmen eine Dividende, womit Anleger von dem erfolgreichen Geschäftsmodell direkt partizipieren. Das macht Aktien im Vergleich zu zinsarmen Anleihen attraktiv. Allerdings haben die vergangenen Monate auch gezeigt, dass Aktienanleger eine hohe Volatilität, also stark schwankende Kurse, aushalten müssen.

Corona mahnt zur Vorsicht

Was heißt das nun konkret? Angesichts der zuletzt starken Performance und der anhaltend großen Unsicherheiten bezüglich der weiteren Entwicklung der Corona-Pandemie ist eine gewisse Vorsicht bei weiteren Aktienengagements angebracht – speziell bei sehr hoch bewerteten Technologiewerten. Sollten stark ansteigende Fallzahlen im Herbst und Winter und damit eine zweite Infektionswelle ausbleiben, spricht viel für weiter steigende Aktienkurse. Anleger dürften dann noch höhere Bewertungen bei Aktien akzeptieren. Zudem könnten dann auch zurückgebliebene Titel wie z.B. aus dem Industriesektor stärker anziehen.
Adrian Roestel ist Leiter des Portfoliomanagements bei Huber, Reuss & Kollegen Vermögensverwaltung.

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