Weiterhin positiv in einem volatilen Umfeld

Salman Baig, Unigestion
Salman Baig / Bild: Unigestion
Die Marktstimmung hat sich in den letzten Wochen gegenüber den Vormonaten verbessert, wobei sich die eng gefasste Rallye auf ein breiteres risikoorientiertes Umfeld ausweitete. Der düstere Ton von Fed-Chef Powell auf der FOMC-Pressekonferenz in der vergangenen Woche sowie der Anstieg neuer Coronavirus-Fälle waren jedoch ernüchternd. Dadurch wurden die Befürchtungen einiger Anleger über eine zweite Welle des Virus, eine Wiederaufnahme des Lockdown und eine langwierige oder sogar W-förmig verlaufende wirtschaftliche Erholung bestätigt. Zwar hat die Erfahrung gezeigt, wie volatil und schädlich sich das Virus auf die Weltwirtschaft auswirkt, doch sind wir der Meinung, dass diese Befürchtungen nach wie vor übertrieben sind. Die politische Unterstützung ist nach wie vor groß, die Wirtschaftsdaten zeigen deutliche Anzeichen einer Verbesserung und die Zunahme neuer Fälle reicht noch nicht aus, um eine Rückkehr zu den im März und April beobachteten Lockdowns auszulösen. Daher bleiben wir positiv gegenüber risikoorientierten Anlagen, halten aber weiterhin Absicherungen, vorwiegend über optionale Strukturen, aufrecht.

Die Märkte machen nach dem FOMC eine Pause

Nach fast drei Monaten solider Kursgewinne, die die Märkte fast wieder auf (oder über, wie im Fall des Nasdaq 100) ihre Vorkrisenhöchststände brachten, gab es letzte Woche eine deutliche Korrektur. Der MSCI All Country World Index beendete die Woche mit einem Minus von 4,1 Prozent, der S&P 500 fiel um 4,7 Prozent, der Euro Stoxx 50 um 6,8 Prozent und der MSCI Emerging Markets Index um 1,5 Prozent. Der VIX-Index schloss die Woche bei 36 Punkten gegenüber 25 Punkten in der Vorwoche, die Spreads für hochverzinsliche Unternehmensanleihen in Nordamerika weiteten sich um fast 75 Basispunkte aus, während der Bloomberg Energy Subindex um 6 Prozent nachgab. Anleihen halfen etwas und beendeten die Woche leicht im Plus, wobei der Barclays Global Aggregate Index um 70 Basispunkte zulegte. Gold lieferte mit einem Plus von über 3 Prozent gegenüber dem US-Dollar mehr Schutz, während der Schweizer Franken gegenüber dem Euro um 1,7 Prozent stieg.
 
Diese Marktbewegungen spiegeln weitgehend die FOMC-Sitzung und die anschließende Pressekonferenz vom vergangenen Mittwoch sowie die jüngsten Zahlen steigender Coronavirus-Fälle wider. Tatsächlich stieg der S&P 500 bei der Bekanntgabe des Fed-Statements am Mittwoch zunächst um ein Prozent an, als Investoren die weiterhin akkommodierende Haltung und den Plan der Fed begrüßten, den Kauf von Anlagen in den kommenden Monaten zumindest im derzeitigen Tempo beizubehalten. Während seiner Pressekonferenz betonte Fed-Chairman Jerome Powell jedoch die bevorstehenden Herausforderungen und bemerkte, dass der Arbeitsmarkt-Bericht vom Mai zwar eine „willkommene Überraschung“ sei, die Erholung jedoch Zeit brauchen werde. Es überrascht nicht, dass der S&P 500 im Laufe der Pressekonferenz all seine Kursgewinne wieder abgab.

Befürchtungen einer zweiten Welle

In der vergangenen Woche wurde zudem über eine Zunahme neuer Coronavirus-Fälle berichtet, insbesondere in den Ländern, die derzeit den Lockdown beenden. Ein Großteil der Aufmerksamkeit richtete sich auf die USA, wo die Gesamtzahl der bestätigten Fälle inzwischen zwei Millionen überschritten hat und die Erwartungen einer bevorstehenden zweiten Welle an neuen Fällen gestiegen sind. Staaten, die relativ geringe Fallzahlen zu verzeichnen hatten, wie zum Beispiel Arizona und Texas, deuten auf eine sich beschleunigende Ansteckung hin. Es ist wichtig, diese Zahlen in einen Zusammenhang zu stellen:
  • Die Zunahme neuer Fälle ist begrenzt, wobei einige der Ausbrüche wie New York und New Jersey stabile Raten aufweisen, während in Florida und Texas neue Fälle mit einer relativ geringen Rate von drei Prozent zunehmen (mit einem gleitenden 7-Tage-Durchschnitt). Arizona ist vielleicht etwas besorgniserregender, mit einer Zunahme der Neuerkrankungen um etwa 6 Prozent.
  • Zwar nimmt die Zahl der bestätigten Fälle weiter zu, doch muss darauf hingewiesen werden, dass die USA die Tests weiterhin intensivieren. In der Tat ist das Verhältnis der bestätigten Fälle zu den getesteten Personen rückläufig, was andeutet, dass die größere Zahl der bestätigten Fälle nicht unbedingt auf ein Scheitern der Social-Distancing-Maßnahmen oder der wirtschaftlichen Wiedereröffnung hinweist, sondern einfach darauf, dass mehr Personen getestet werden.
  • Die Politiker sind geneigt, ihre Volkswirtschaften wieder zu öffnen und zu unterstützen, daher werden sie wahrscheinlich weniger drakonische Maßnahmen (z. B. obligatorische Masken in der Öffentlichkeit) anstelle von landesweiten Abschottungen ergreifen, um einen potenziellen Virusausbruch zu verlangsamen.

Nicht alle Nachrichten sind schlecht

Trotz Powells verhaltener Worte machte er auch deutlich, dass die US-Notenbank bereit ist, die Wirtschaft weiterhin mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln zu unterstützen und potenzielle neue zu prüfen. Die EZB bestätigte auch ihre akkommodierende Haltung der Vorwoche, wodurch der Kreditfluss in zwei der größten Volkswirtschaften der Welt fortgesetzt wird. In der Zwischenzeit haben sich die Makrodaten weiter verbessert: Unser Global Growth Nowcaster ist zwar immer noch schwach, hat sich aber nach oben bewegt, und der damit verbundene Diffusionsindex weist nun auf eine Verbesserung der meisten Daten hin. Der US-Jobbericht von letzter Woche zeigte weniger Erst- und Folgeanträge auf Unterstützung als in der Woche zuvor, was darauf hindeutet, dass der US-Arbeitsmarkt sich allmählich erholt. Am Freitag stieg auch die Umfrage der University of Michigan zur Verbraucherstimmung von 72,3 im vergangenen Monat auf 78,9 (und lag damit über der Konsensschätzung von 75). Wichtig ist, dass sich sowohl die Umfragen zur aktuellen Lage als auch zu den Erwartungen im Laufe des Monats verbessert und den Konsens übertroffen haben.

Positiv bleiben, aber die Risiken erkennen

Wir bleiben bei Growth Assets aus den Gründen, die wir vor kurzem mitgeteilt haben, konstruktiv: Wir sehen die frühen Phasen einer Verbesserung der Makroökonomie, unterstützt von Zentralbanken, die bereit sind, „alles zu tun, was nötig ist“. Zudem scheint die Epidemie nun auch in den größten Volkswirtschaften der Welt ihr stärkstes Ausmaß hinter sich zu haben. Die pessimistische Anlegerstimmung deutet auf Raum für zusätzliche Kursgewinne hin, während die Bewertungen im Rahmen einer raschen Erholung, ähnlich wie bei einer Naturkatastrophe, oder im Vergleich zu den Anleiherenditen, nicht so hoch erscheinen. Diese konstruktive Ansicht spricht für eine Ausrichtung auf wachstumsbezogene Anlagen, einen Abbau von Short-Engagements in Sachwerten und eine Reduzierung defensiver Positionen wie Staatsanleihen.
 
Diese positive Sichtweise würde durch eine tatsächliche, anhaltende zweite Welle von Virusinfektionen widerlegt werden, insbesondere, wenn diese die Krankenhauskapazitäten so stark belasten würden, dass erneut Sperren ausgelöst werden müssten. Auch ohne so ein Szenario könnte die mangelnde Kaufbereitschaft von Unternehmen oder Haushalten die Wirtschaft beeinträchtigen. In einem solchen Szenario würde die Erholung sehr viel langsamer verlaufen, was wiederum die Aktienbewertungen in Frage stellt, da es einige Jahre dauern würde, bis Umsatz und Gewinne ihren Höchststand wieder erreichen würden.
 
Es ist auch wichtig, sich die sinkenden Zustimmungszahlen für US-Präsident Trump vor Augen zu halten, da die Proteste nach der Ermordung von George Floyd landesweit mit der Unterstützung von fast 75 Prozent der Amerikaner anhalten, wie aus einer kürzlich durchgeführten Umfrage der Washington Post hervorgeht. Trumps Reaktion ist auch nicht gut angekommen. Laut einer kürzlich durchgeführten Umfrage des Pew Research Center gaben nur 37 Prozent der Amerikaner an, dass er als Antwort auf die Proteste die richtige Botschaft übermittelt habe. Der Online-Wettanbieter PredictIt prognostiziert nun, dass die Demokraten nach der Wahl im November die Präsidentschaft, den Senat und das Repräsentantenhaus kontrollieren werden. In einem solchen Szenario wäre eine Aufhebung der Körperschaftssteuersenkung wahrscheinlich, was die Aktienkurse in den USA in Gefahr bringen würde. Wir gehen zwar nicht davon aus, dass dieses Risiko in naher Zukunft eintreten wird, aber wir verfolgen es genau, da es sich direkt auf die Unternehmensgewinne auswirken würde.
 
Aus diesen Gründen ergänzen wir unsere positive Sicht auf wachstumsbezogene Anlagen durch Absicherungen, hauptsächlich durch Optionen, die darauf abzielen, einen Schutz nach unten zu bieten und unserem Renditeprofil Konvexität zu verleihen.

Die Vorhersagen - das Unigestion Nowcasting

Wöchentliche Veränderung

  • Unser World Growth Nowcaster hat in der vergangenen Woche zugenommen, zumal die Lage in den USA immer mehr Anzeichen einer Verbesserung zeigt.
  • Unser World Inflation Nowcaster stieg ebenfalls an, unter anderem aufgrund von US-Daten.
  • Der Market Stress Nowcaster stieg sprunghaft an, da sich die Credit Spreads ausweiteten, während die Volatilität zunahm.
Salman Baig ist Multi-Asset-Manager beim Vermögensverwalter Unigestion

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