Russland: Reformmüdigkeit belastet Wirtschaft mehr als Sanktionen

Dr. Klaus Bauknecht, IKB Bank
Dr. Klaus Bauknecht / Bild: IKB Bank
Sanktionen sind in der Regel ineffiziente Instrumente, um Staaten zu einer Kehrtwende zu bewegen. Die Entwicklungen in Russland sind hierfür das jüngste Beispiel in einer langen Reihe dieser Strafmaßnahmen. Nicht nur Putins Machtposition scheint anhaltend gesichert zu sein, auch die Wirtschaft hat sich zunehmend von den Schocks der letzten Jahre wie Ölpreisverfall und erlassenen Sanktionen erholt. So konnte das Land seinen Wettbewerbsindex des World Economic Forum soweit verbessern, dass es sich auf Platz 40 von 138 Ländern vorarbeiten konnte. Eine wichtige Rolle spielen sicherlich die Abwertung des Rubel und die daraus gewonnenen Wettbewerbsvorteile. Doch auch andere Indikatoren haben sich entgegen den Erwartungen vieler Beobachter positiv entwickelt. So signalisieren die Indizes der Weltbank zur Staatsführung eine Verbesserung der Effizienz staatlicher Institutionen, während sich die Werte zur Bekämpfung von Korruption sowie zur Einhaltung von Rechtsstaatlichkeit in den letzten Jahren zumindest nicht verschlechtert haben. Außerdem liegt die Schuldenquote des Staates nach Schätzungen bei überschaubaren 13 Prozent des BIP, und die Währungsreserven der Notenbank liegen bei über 400 Mrd. US-Dollar.

Sanktionen ohne Wirkung

Die Erwartung, dass mit Hilfe von Sanktionen wirtschaftlicher Druck aufgebaut wird, die Unterstützung der Bevölkerung für ihre Staatsführung nachlässt und die Regierung eine Neuausrichtung vornimmt, scheint im Falle Russlands bis dato nicht aufgegangen zu sein. Trotz der Strafmaßnahmen und der schwierigen wirtschaftlichen Jahre befinden sich Beschäftigtenzahl und Erwerbsquote gegenwärtig nah an den historischen Hochständen, während die Arbeitslosenquote fast den Tiefstpunkt erreicht hat. Die saisonbereinigten Erwerbs- und Beschäftigungsquoten sind auf 69 Prozent bzw. 65 Prozent angestiegen, wodurch der Rückgang der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter kompensiert worden ist. Die Arbeitslosenquote lag im Juni 2017 bei 5,1 Prozent verglichen mit 5,4 Prozent vor einem Jahr

Strukturelle Schwächen der russischen Wirtschaft

Grundsätzlich und unabhängig von den Sanktionen zeigt die russische Wirtschaft jedoch strukturelle Schwächen. Der Industriezweig Bergbau (einschließlich Gewinnung von Erdöl und Erdgas) hatte 2016 einen Anteil von 8,5 Prozent an der Bruttowertschöpfung (Deutschlands Anteil liegt nur bei 0,2 Prozent). Die Bedeutung des Bergbaus für die Gesamtwirtschaft und den Staat ist jedoch deutlich höher: Wie bei allen rohstoffexportierenden Ländern ermöglichen die Deviseneinnahmen einen höheren Lebensstandard bzw. höhere Staatseinnahmen. Ein dominanter Rohstoffsektor hemmt jedoch vielfach notwendige Strukturreformen und führt zu unzureichenden Investitionen in andere, produktivere Wirtschaftszweige. Dies bremst die Entwicklung der anderen Wirtschaftszweige im Güter- und Dienstleistungssektor, was einen stabilen Wachstumspfad behindert; nicht zuletzt, weil sich die Rohstoffpreisvolatilitäten in der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung widerspiegeln. 

Kaum Änderungen in den Handelsbeziehungen

Die Öffnung der Wirtschaft durch Handelsabkommen kann entscheidende Impulse für eine strukturelle Neuausrichtung bringen. Doch nach dem WTO-Beitritt Russlands haben sich die Handelsbeziehungen zu anderen Ländern kaum verändert: Die russischen Primärstoffe werden überwiegend gegen Konsum- und Technologiegüter getauscht. So sind die Ausfuhren der fossilen Brennstoffe weiterhin mit einem Gewicht von fast 70 Prozent in der Exportstruktur absolut dominant geblieben. Russland ist als Handelspartner immer noch ein Rohstoff produzierendes Land.
 
Bei den deutschen Exporten nach Russland hatten vor den Sanktionen vor allem rohstoffnahe Güter wie Bergbaumaschinen oder Lebensmittelabfüllmaschinen neben Konsumprodukten ein relativ hohes Gewicht. Im Zuge der Sanktionen wurde der deutsch-russische Handel deutlich eingeschränkt, er zeigte aber bereits im Verlauf des Jahres 2016 Stabilisierungstendenzen. So ist der russische Anteil an den deutschen Gesamtexporten im letzten Jahr nicht weiter gesunken und blieb nahezu unverändert zum Vorjahr. Da das deutsche Güterexportvolumen 2016 mit 2,5 Prozent zulegen konnte, deutet dies auf eine gewisse Erholung der deutschen Exporte nach Russland hin.

Der (mögliche) positive Einfluss von Sanktionen

Sanktionen können nicht nur einen negativen Einfluss auf die Wirtschaftsentwicklung ausüben, sie können auch die Substitution von Importwaren durch eigene, im Inland hergestellte Güter fördern; vor allem im Umfeld einer Währungsabwertung, die zu einer Verteuerung der Einfuhren führt. Voraussetzung ist allerdings, dass die Angebotsseite der Wirtschaft auf solche Entwicklungen ausreichend reagieren kann und die notwendigen Produktionsfaktoren wie Kapital, Arbeit und Technologie in ausreichendem Maße zur Verfügung gestellt werden. Doch für Russland ist die Substitution der Einfuhrwaren kein einfaches Unterfangen. Die Regierung will zwar offiziell die Importsubstitution durch heimische Produkte fördern, um die Abhängigkeit von den Industriegüterimporten bis 2020 zu senken; ein deutlicher Rückgang des Anteils der importierten Erzeugnisse ist allerdings seit der Einführung der Sanktionen bis dato nur bei Lebensmitteln zu beobachten.

Zwei simultane Schocks für die russische Wirtschaft

Die russische Wirtschaft wurde durch zwei simultane Schocks empfindlich getroffen: der niedrige Ölpreis und die 2014 erstmals verhängten Sanktionen. In der Folge schrumpfte 2015 die russische Wirtschaft um 2,8 Prozent und ein Jahr darauf sank sie um weitere 0,25 Prozent. Die Binnennachfrage wurde durch eine straffe Geldpolitik beeinflusst, welche als Folge der Abwertung des Rubels notwendig war. Zweistellige Inflationsraten, vor allem im Jahr 2015, ließen die Zinsen steigen, während die realen Löhne sanken. Daraufhin war der private Verbrauch 2015 um fast 10 Prozent eingebrochen und hatte sich 2016 um weitere 4,5 Prozent deutlich verringert. Die Entwicklung der Bruttoanlageninvestitionen verlief ähnlich. Sie waren 2015 ebenfalls um fast 10 Prozent deutlich und ein Jahr später um weitere 2,3 Prozent geschrumpft.
 
Im Verlauf des Jahres 2016 stabilisierte sich die russische Wirtschaft zusehends und zeigte erste Erholungstendenzen. So stieg im letzten Quartal 2016 das BIP um 0,3 Prozent zum Vorjahresquartal. Die positive Dynamik setzt sich 2017 fort: Im ersten Quartal erhöhte sich das BIP im Vergleich zur entsprechenden Vorjahresperiode um 0,5 Prozent, während die Industrieproduktion in den ersten sechs Monaten mit durchschnittlich fast 2 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zulegen konnte. Die Einkaufsmanagerindizes für das Verarbeitende Gewerbe sowie für die gesamte Wirtschaft bleiben seit einigen Monaten zum Teil deutlich über der Wachstumsschwelle von 50 Punkten und deuten auf eine Fortsetzung der aktuellen Wachstumsdynamik hin. Die IKB erwartet für 2017 ein BIP-Wachstum von 1,8 Prozent.

Erste Belebungstendenzen

In diesem Umfeld erholen sich die Investitionen ebenfalls. Dies zeigt sich in der anziehenden Kreditvergabe an Unternehmen in Verbindung mit geringeren Finanzierungskosten sowie der anziehenden Nachfrage nach Investitionsgütern. Die russischen Importe setzten sich in den ersten vier Monaten des Jahres 2017 laut Zollstatistik zu über 49 Prozent aus Maschinen, Ausrüstungen und Fahrzeugen zusammen.
 
Der private Verbrauch macht fast 50 Prozent des BIP aus und zeigt ebenfalls erste Belebungstendenzen. Die Kreditvergabe an Haushalte erholt sich, und das Konsumentenvertrauen scheint zurückzukehren. So waren die Verkäufe von Kraftfahrzeugen im März und April 2017 um 9 Prozent bzw. 7 Prozent zu den Vorjahresmonaten gestiegen. Im Mai und Juni legte der Kfz-Absatz sogar um jeweils 15 Prozent zu. Für die deutsche Automobilindustrie ist dies sicherlich eine positive Entwicklung, da Russland vor dem Ölpreisverfall ein bedeutender Absatzmarkt war. Modellschätzungen der IKB deuten darauf hin, dass der private Konsum 2017 dank sinkender Kreditzinsen und eines stabileren Wechselkurses mit über 3 Prozent zulegen könnte.

Fazit: Stabilisierung aber weiterhin hohe Rohstoffabhängigkeit

Trotz Sanktionen und eines weiterhin niedrigen Ölpreises zeigt die russische Wirtschaft Stabilisierungs- bzw. Erholungstendenzen. Bei einer niedrigen Arbeitslosenquote und einer sich wieder verbessernden Wettbewerbsfähigkeit verfehlen die verhängten Sanktionen gegen Russland weiterhin ihr Ziel, eine Kursänderung der russischen Regierung auch durch sozialen Druck zu forcieren. Weniger die Strafmaßnahmen als vielmehr die starke Rohstoffabhängigkeit, die geringe Möglichkeit zur Importsubstitution und eine schwache Innovationskraft scheinen die Wachstumsperspektiven Russlands mehr zu belasten. Kurzfristig ist mit einer weiteren Erholung der Wirtschaft aufgrund anziehender Investitionen und einer Belebung des Konsums zu rechnen. So erwartet die IKB für Russland ein BIP-Wachstum von 1,8 Prozent für 2017. Die deutsche Export-industrie sollte trotz der Sanktionen hiervon profitieren.
 
Dr. Klaus Bauknecht ist als Chefvolkswirt der IKB Deutsche Industriebank AG verantwortlich für die volkswirtschaftlichen Analysen, Prognosen und Einschätzungen der Bank. Zudem lehrt der promovierte Volkswirtschaftler an der Nelson Mandela University in Südafrika. Zuvor arbeitete er in verschiedenen leitenden Positionen anderer Banken und im südafrikanischen Finanzministerium. Er schreibt zu aktuellen und übergeordneten Konjunktur-, Volkswirtschafts- und Marktthemen.