Die EZB schafft es, die Märkte zu überraschen

Andreas Billmeier, Legg Mason
Andreas Billmeier / Bild: Legg Mason
Mit den Ergebnissen der Sitzung vom 4. Juni hat es der EZB-Rat geschafft, die Märkte zu überraschen: Die EZB lieferte bei allen Entscheidungen, die sie traf, mehr, als der Markt erwartet hatte.
So beschloss der EZB-Rat, den geldpolitischen Spielraum weiter auszudehnen, indem das Pandemie-Notkaufprogramm (PEPP) um 600 Milliarden Euro erweitert und seine Laufzeit um sechs Monate bis mindestens Ende Juni 2021 verlängert wird. Zudem verpflichtet sich die EZB, die Ziele dieser PEPP-Käufe bis mindestens Ende 2022 nicht durch andere Aktionen aufzuheben. Darüber hinaus stellte Präsidentin Christine Lagarde neue Makroprognosen vor, die die neuen Konjunkturdaten einbeziehen und für 2022 eine besorgniserregend niedrige Inflationsprognose von 1,3 Prozent zeigen.

Klare Überraschung für die Märkte

Mit diesen Entscheidungen überraschte die EZB den Markt klar, was sich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Erklärung in deutlich niedrigeren Renditeabständen der Peripherieländer gegenüber Bundesanleihen niederschlug. Wir denken, dass die Überraschung in der Tat gelungen war. Allerdings impliziert die Kombination von Erhöhung und Verlängerung, dass die Ankaufrate von Staatsanleihen im Rahmen von PEPP bis 2021 in etwa unverändert bleibt, sodass es keinen zusätzlichen Effekt gibt.

Deutsches Urteil richtet sich an deutsche Behörden

Zudem sagte EZB-Präsidentin Lagarde, dass der EZB-Rat die Einbeziehung von Junk-Bonds in die Kaufprogramme nicht im Detail diskutiert habe. Im Hinblick auf das jüngste Urteil des deutschen Bundesverfassungsgerichts sagte Lagarde, dass sich dieses Urteil an deutsche Behörden richte und sie zuversichtlich sei, dass eine gute Lösung gefunden werden könne. In diesem Zusammenhang unterstrich sie, dass eine Version der beantragten Verhältnismäßigkeitsbeurteilung den Beratungen der EZB bereits inhärent sei und immer schon ihren Weg in die Sitzungsberichte gefunden habe. Damit deutete sie einen Weg an, wie die Bundesbank und andere Institutionen die Angelegenheit entschärfen könnten.

Zeit, um die Prognosen zu verdauen

Ein interessanter Punkt am Rande: Gegen Ende der Pressekonferenz konzentrierte sich Lagarde stark auf ihre schriftlichen Unterlagen. Dies mag zwar als unwichtig erscheinen, zeigt aber, dass Lagarde nach einigen Unklarheiten in früheren Pressekonferenzen heute keine Fehler begangen hat. Und das, während sie Inflationsprognosen mitteilen musste, die nicht mehr mit dem Ziel der EZB übereinstimmen. Jetzt wird der Markt noch Zeit brauchen, um die neuen Prognosen zu verdauen.

Next Generation EU

Wir sind der Meinung, dass die heutigen Entscheidungen vor dem Hintergrund der schockierend niedrigen Inflationsprognose gesehen werden müssen, aber auch vor dem Hintergrund der fiskalischen Entwicklungen in den europäischen Volkswirtschaften und auf europäischer Ebene. Während die diesjährigen Käufe von Staatsanleihen in etwa ausreichen, um die Ausgaben der Regierungen für Covid-bezogene Konjunkturmaßnahmen abzudecken, soll die PEPP-Verlängerung wohl zusätzlich die Kreditaufnahme der EU im Rahmen des Programms Next Generation EU berücksichtigen, über das derzeit noch verhandelt wird.
 
Die EZB ist eindeutig zufrieden mit den Fortschritten an der Haushaltsfront und wird diese Anstrengungen gerne unterstützen. Auch wenn es zum jetzigen Zeitpunkt schwer zu beurteilen ist, ob im Jahr 2021 immer noch ein Pandemie-Notstand besteht, auch angesichts der von der EZB prognostizierten Wachstumserholung.
Andreas Billmeier ist Analyst bei der Legg-Mason-Boutique Western Asset Management.