Kommt die Merkel-Macron-Initiative, wäre die EU-Integration gefestigt

Mark Dowding, BlueBay
Mark Dowding / Bild: BlueBay
Die deutsch-französischen Vorschläge für einen Wiederaufbaufonds halten wir für einen entscheidenden Schritt zur Wiederbelebung der EU-Integration. Gegen den Widerstand vor allem osteuropäischer Länder muß ein Kompromiss gefunden werden. Anleger sollten sich darauf einstellen, dass die EZB ihr im März als geldpolitische Sondermaßnahme beschlossenes Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP) im Juni ausweitet.
Die Covid-19-Infektionszahlen gehen in Europa deutlich zurück. Mit dem Wiederhochfahren der Wirtschaft haben sich die Einkaufsmanager-Umfragen von ihren Tiefständen im April erholt – sie bleiben aber weiterhin auf sehr niedrigem Niveau. In China, wo der Lockdown vor einigen Wochen endete, gibt es Anzeichen dafür, dass die Nachfrage dynamisch anzieht: Die rigide Politik und die obligatorische Einführung von Tracking-Apps sind hilfreich; doch ob die Bürger in anderen Weltregionen bereit sein werden, Privatsphäre und bürgerliche Freiheiten zu opfern, bleibt fraglich.

In Europa haben die deutsch-französischen Vorschläge für einen Wiederaufbaufonds besondere Aufmerksamkeit erregt. Das Gerangel um den EU-Hilfsfonds hat gezeigt: In einer schweren Krise dominieren nationale Interessen – eine beunruhigende Entwicklung im Hinblick auf die mittelfristigen Aussichten für die Wirtschafts- und Währungsunion. Der Merkel-Macron-Vorschlag für einen Fonds von 500 Milliarden Euro, der durch Anleihen auf EU-Haushaltsebene finanziert werden soll, ist daher sehr interessant. Mit den geplanten Zuschüssen für bedürftige Staatshaushalte würde ein fiskalisches Transfer-System entstehen, das alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt. Historisch gesehen hat Brüssel immer Transferzahlungen an weniger entwickelte Regionen innerhalb der EU geleistet; in den vergangenen Jahren profitierten vor allem die einkommensschwächeren Länder Osteuropas. Schafft es die Merkel-Macron-Initiative durch die Instanzen, wäre ein wesentlicher Fortschritt hinsichtlich der EU-Integration erreicht.

Die Volatilität wird zurückkehren

Absehbar ist jedoch, dass Österreich, die Niederlande sowie die baltischen und skandinavischen Staaten Gegenvorschläge unterbreiten werden. Es ist auch wahrscheinlich, dass die Länder Osteuropas sich stark dagegen wehren werden, Teil einer Initiative zu sein, bei der sie für Länder und Regionen zahlen müssten, die viel wohlhabender sind als sie selbst. Dennoch: Ein Kompromiss dürfte letztlich gefunden werden.
 
Wir erwarten ebenfalls, dass die Europäische Zentralbank (EZB) ihr im März als geldpolitische Sondermaßnahme beschlossenes Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP) im Juni ausweitet. Anleger an den Anleihemärkten fahren am besten mit Vermögenswerten, die unmittelbar von den EZB-Kaufprogrammen profitieren.

Es wäre töricht zu glauben, dass die Volatilität nicht zurückkehren wird. Viele Märkte haben sich wieder erholt, deshalb besteht bei fallenden Märkten noch viel Spielraum, bevor Unterstützungen erreicht werden. Die Zurücknahme der Lockdowns sorgt unverändert für die Gefahr einer zweiten Infektionswelle. Die Arbeitslosigkeit ist in vielen Ländern sprunghaft angestiegen, wird aber in den kommenden Monaten wahrscheinlich nur sehr langsam zurückgehen. Bestimmte Wirtschaftssektoren stehen nach wie vor im Feuer. Der Großteil der jüngsten Gewinne an den Märkten ist einer kleinen Zahl von Technologiegiganten geschuldet, die durch Covid-19 unterstützt werden und dem Nasdaq möglicherweise zu neuen Rekordhochs verhelfen.

Generell gilt: Die Anzeichen für eine sinkende globale Inflation deuten darauf hin, dass die Zentralbanken weiterhin geneigt sein werden, die Geldpolitik bei Bedarf weiter zu lockern.
Mark Dowding ist Partner und Chief Investment Officer von BlueBay. Er verfügt über mehr als 24 Jahre Erfahrung als Anleger im makroökonomischen Fixed-Income-Umfeld und ist seit 2010 Senior Portfolio Manager bei BlueBay. Vor seiner Tätigkeit bei BlueBay war Mark Leiter Fixed Income in Europa bei der Deutschen Asset Management (jetzt DWS), eine Position, die er zuvor auch bei Invesco innehatte. Mark begann seine Karriere 1993 als Portfoliomanager für festverzinsliche Wertpapiere bei Morgan Grenfell. Er besitzt einen Bachelor of Science (Hons) in Wirtschaftswissenschaften von der University of Warwick.