Wird der Ölpreiseinbruch zu niedrigeren CO2-Fußabdrücken führen?

Peter van der Welle und Chris Berkouwer, Robeco
Peter van der Welle / Bild: Robeco
Ein Nachfrageeinbruch infolge der Covid-19-Krise zusammen mit einem Überangebot aufgrund eines Konflikts zwischen wichtigen Förderländern sorgten im April erstmals für einen negativen Ölpreis. Da viele Menschen aufgrund der weltweiten Ausgangsbeschränkungen zu Hause bleiben müssen, sind die Treibhausgasemissionen stark gesunken.

Der spektakuläre Einbruch des Ölpreises ist vor allem das Ergebnis eines starken Rückgangs des Energiebedarfs im Zuge der Ausgangsbeschränkungen, die in zahlreichen Ländern erlassen wurden. Nach diesen heftigen Turbulenzen stellte sich ein neues Gleichgewicht ein. Die Nachfrage wird sich  jedoch nur allmählich erholen, auch wenn die wegen des Coronavirus erlassenen Vorschriften zum Abstandhalten in der zweiten Hälfte des Jahres 2020 teilweise aufgehoben werden. Die Aussichten für Fluggesellschaften haben sich eingetrübt. Die Frage ist: Sind Menschen noch bereit, sich so oft wie bisher in volle Flugzeuge zu setzen, nachdem sich digitale Kommunikationskanäle als ebenso effektiv erwiesen haben.

Starker Rückgang der Treibhausgasemissionen

Auf den ersten Blick lässt dies auf verringerte CO2-Emissionen hoffen, durch die die globale Erwärmung bekämpft und auch die Luftverschmutzung begrenzt werden soll. Die gesunkene Reiseintensität wird in diesem Jahr zu einer beträchtlichen Abnahme der Treibhausgasemissionen führen. Die Internationale Energieagentur rechnet mit einem beispiellosen Rückgang von acht Prozent. Allerdings halten wir das tatsächliche Ausmaß und die Dauer des Rückgangs für fraglich. Entscheidend ist der Verlauf der Konjunkturerholung in den USA und in China, auf die 20 Prozent beziehungsweise 14 Prozent des globalen Ölverbrauchs entfallen. Der Kreditimpuls in China – ein Frühindikator sowohl für das chinesische als auch das US-amerikanische Wirtschaftswachstum – verliert weiter an Dynamik. Das deutet darauf hin, dass die globale Ölnachfrage wahrscheinlich nicht halb so stark steigen wird, wie dies während des globalen zyklischen Aufschwungs im Jahr 2017 der Fall war.
 
Solange die chinesische Regierung im Hinblick auf Konjunkturanreize nicht nach dem Motto „Was auch immer es kostet“ verfährt und die derzeitigen Ausgangsbeschränkungen für vier Milliarden Konsumenten weltweit nur schrittweise aufgehoben werden, ist mit keiner starken Erholung der Ölnachfrage zu rechnen. Das wirft die Frage auf, ob sich die Treibhausgasemissionen ebenfalls günstiger als erwartet entwickeln könnten.
Der negative Ölpreis war zwar beispiellos, ließ den Aktienmarkt aber unberührt. Quelle: Refinitiv Datastream, Robeco

Am Ölmarkt liegt das Schlimmste hinter uns

Leider ist das nicht der Fall. Es besteht Grund zu der Annahme, dass am Ölmarkt das Schlimmste bereits hinter uns liegt und dass die Situation sich im Zeitverlauf weiter aufhellt. Das niedrige Preisniveau wird die Nachfrage verstärken. In der Vergangenheit ist ein niedriger Ölpreis der Konjunkturerholung vorausgegangen, da energieintensive Branchen die Situation nutzen. Jedoch ist die zeitliche Verzögerung mit durchschnittlich 18 Monaten recht lang. Hinzu kommt, dass die Nachfrage auch durch die Verbraucher gestützt werden könnte, die – solange die Covid-19-Pandemie anhält – statt U-Bahnen, Bussen und Zügen nun häufiger das Auto bevorzugen. Die letztlich zu erwartende Erholung der Öl-Nachfrage bedeutet, dass auch die CO2-Emissionen wieder steigen werden, wie es nach der globalen Finanzkrise der Fall war.

Damit bleibt die Dekarbonisierung eine Herausforderung, da die CO2-Neutralität bis zum Jahr 2050 noch in weiter Ferne liegt. Wir sind wahrscheinlich noch unterhalb der ehrgeizigen Ziele des Pariser Abkommens zur Begrenzung der globalen Erwärmung auf maximal 2 °C und idealerweise 1,5 °C oberhalb vorindustrieller Niveaus. Diese beiden Ziele erfordern bis 2050 jährliche Rückgänge der Treibhausgasemissionen um 3,4 beziehungsweise 6,4 Prozent. Dem stehen Veränderungsraten von null beziehungsweise einem Prozent unter den jetzigen Gegebenheiten gegenüber

Chancen für ESG-Investments

Die Aspekte Umwelt, Soziales und Governance (ESG) bei der Geldanlage zu berücksichtigen, bringt nach wie vor Vorteile. Die aktuelle Krise ermöglicht einen günstigeren Entwicklungspfad für die Ziele des Pariser Abkommens, da sie die Fortsetzung einer „grünen Politik“ weiter unterstützt. Erstens können Investitionen in Nachhaltigkeitsthemen (rohstoffbezogen), wie wir sie in vielen unserer Portfolios vornehmen, als wirtschaftlicher Multiplikator dienen. Die Regierungen werden im Rahmen von Konjunkturmaßnahmen stärkere fiskalpolitische Anreize zur Beschleunigung von Investitionen in umweltfreundliche Energiequellen setzen. Beispielsweise soll laut dem European Recovery Plan die „Grüne Transformation“ eine zentrale Rolle bei der Neuausrichtung und Modernisierung der Wirtschaft spielen.
 
Zweitens sind niedrige Ölpreise nicht zwangsläufig schlecht für Unternehmen aus dem Bereich Erneuerbare Energien. So waren die meisten erneuerbaren Energietechnologien, beispielsweise Solarstrom, bereits von weit günstigeren wirtschaftlichen Bedingungen als fossile Kraftstoffe geprägt.
 
Drittens haben ESG-Fonds in letzter Zeit hohe Mittelzuflüsse verzeichnet, da immer mehr darauf hindeutet, dass sich durch eine ESG-Ausrichtung die Risiken in Anlageportfolios reduzieren lassen.

Erzielte Gewinne sind entscheidend

Wir sind der Ansicht, dass für die Marktentwicklung Anfang 2020 die Entwicklung der Unternehmensgewinne entscheidend ist, da ein spätzyklischer Bullenmarkt davon abhängig ist, dass die erwarteten Gewinne tatsächlich erzielt werden.
 
Das gilt in besonderem Maß für die derzeitige spätzyklische Marktphase. Denn aus historischer Sicht ist der Spielraum für eine Stützung der Nachfrage nach riskanten Anlagen mit konventionellen Methoden der Geldpolitik eher begrenzt.
 
Die Märkte können nicht ewig irrational bleiben oder ohne geldpolitische Unterstützung auskommen. Die Analysten erwarten, dass die Gewinne der Unternehmen im S&P 500 bereits im ersten Quartal 2020 ihren Tiefpunkt erreichen und im weiteren Jahresverlauf wieder steigen. Das könnte sich als optimistisch erweisen, da eine Reflation und einen Wiederanstieg der Unternehmensgewinne im Jahr 2020 länger als allgemein erwartet dauern könnte. So verhielt es sich auch im Jahr 2016.

Nachhaltige Anlagen scheinen Abschwung besser zu verkraften

Welche Implikationen hat dies nun für Portfolios, die mit dem zweischneidigen Schwert eines niedrigen Ölpreises konfrontiert sind, der sowohl die zur Renditeerzielung wichtige Konjunkturerholung befeuert als auch die damit verbundenen Treibhausgasemissionen steigen lässt?
 
Nachhaltige Anlagen scheinen den durch die Covid-19-Krise ausgelösten Abschwung besser als der Gesamtmarkt verkraftet zu haben. Das spiegelt sich auch in der Wertentwicklung vieler nachhaltig ausgerichteten Strategien während der Krise wider.
Robeco-Spezialisten: Peter van der Welle ist Strategieexperte im Multi Asset-Team, und Chris Berkouwer ist Portfoliomanager der Sustainable Global Stars Equities-Strategie.