COVID-19 unterstreicht die Bedeutung von ESG

Stefan Kuhn, State Street Global Advisors/SPDR
Stefan Kuhn /Bild: State Street Global Advisors/SPDR
 
Zwar gehören ESG-Investitionen noch nicht zum Mainstream, jedoch ist das Interesse an nachhaltigen Anlagen während der Coronakrise gestiegen. Erste bekannte ESG-Indizes haben in diesem Jahr ihre Mutterindizes bis jetzt sogar übertroffen. Für interessierte Anleger empfiehlt sich vor allem ein geradliniger Ansatz.
Zu Beginn des Jahres 2020 war der Optimismus an der ESG-Front groß. Wir freuten uns auf das Zustandekommen des Pariser Abkommens, Fortschritte auf dem Weg zum Europäischen Grünen Deal (was Ursula von der Leyen als Europas "Mann auf dem Mond-Moment" bezeichnete), die Einführung eines EU-Systems zur Klassifizierung der Nachhaltigkeit oder einer "grünen Taxonomie" und die Einführung neuer Klima-Benchmarks. Während einige Aktionen aus aktuellem Anlass verzögert wurden, wie zum Beispiel die Verschiebung der COP26 in Glasgow, blieb ESG während der COVID-19-Krise für viele Investoren im Mittelpunkt des Interesses.

ESG ist hoch relevant

Im ersten Quartal dieses Jahres verzeichneten die in Europa domizilierten ESG-ETFs Nettozuflüsse von 6,8 Mrd. USD, wodurch sich das Gesamtvolumen auf 35,3 Mrd. USD1 erhöhte. Bemerkenswert ist dabei, dass die Zuflüsse in den letzten Monaten konstant geblieben sind, auch wenn die Ströme in Aktien-ETFs im März negativ wurden. Und dies auf der Grundlage von Rekordzuflüssen in diesem kostbaren Jahr.

Es liegt auf der Hand, dass ESG-Investitionen in absoluten Zahlen immer noch nicht zum Mainstream gehören, und das fördert die Dynamik. Die Anleger befinden sich immer noch in einer Übergangsphase: Sie machen Nachhaltigkeit zum integralen Bestandteil der Portfoliokonstruktion und des Risikomanagements - gleichzeitig geben sie Investitionen, die ein hohes nachhaltigkeitsbezogenes Risiko darstellen, auf und kaufen sich in die wachsende Palette der verfügbaren ESG-ETFs ein. Bislang hat die Wirtschafts- und Gesundheitskrise im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie diesen Trend verstärkt und frühere Kritiker, die meinten, ESG würde schwierige Märkte nicht überleben, verstummen lassen.

Outperformance der ESG-Indizes

Es wird seit langem diskutiert, wie gut ESG-Fonds im Vergleich zu traditionellen Fonds bei Marktverkäufen abschneiden würden. Es gab nur wenige Gelegenheiten, diese Debatte beizulegen, da das Wachstum der ESG-Investitionen in den letzten Jahren vor einem relativ günstigen Marktumfeld stattgefunden hat.
Bis jetzt. Die bekanntesten ESG-Indizes der wichtigsten Anbieter, darunter MSCI, S&P und STOXX, haben in diesem Jahr ihre Mutterindizes bisher übertroffen. Dies geht aus einer Studie von Morningstar hervor, in der festgestellt wurde, dass nachhaltige und ESG-Aktienindizes in den Kategorien Global, Europa und US Large-Cap-Indizes besser abschnitten als herkömmliche Indizes. Die Gründe für die relative Performance hängen von der Methodik des jeweiligen Index ab, könnten aber ein Ergebnis des Ausschlusses einiger Luft- und Raumfahrtunternehmen, ein geringeres Engagement im Energiesektor oder die Übergewichtung von Unternehmen mit Qualitätskriterien (wie z.B. stärkere Bilanzen) sein, die nach ESG-Kriterien oft am höchsten rangieren.

Neuer Fokus auf das "S" in ESG

Der soziale Teil der ESG-Analyse wurde oft als eher vage und weniger bedeutsam als andere Faktoren empfunden. Allerdings sind soziale Erwägungen in dieser Krise von großer Bedeutung, mit Faktoren wie Zugänglichkeit und Erschwinglichkeit der Gesundheitsversorgung (einschließlich der Arzneimittelpreise), Finanzdienstleistungen,  Versorgungseinrichtungen, Bildung und Telekommunikation. Ganz oben auf der Tagesordnung steht auch die Fähigkeit eines Unternehmens, ein sicheres und gesundes Arbeitsumfeld zu schaffen und zu erhalten.

Jetzt sollten die Aktionäre eine Kommunikation über die kurz- und mittelfristigen potenziellen Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf das Geschäft, den Gesamtbetrieb und die Lieferketten erwarten, einschließlich der Vorbereitung des Managements und der Planung und Analyse von Szenarien. Im Weiteren gilt es zu ermitteln, wie sich diese Krise auf die Herangehensweise eines Unternehmens an wesentliche ESG-Themen als Teil seiner langfristigen Geschäftsstrategie auswirken oder diese beeinflussen könnte.

Stefan Kuhn ist Managing Director und Head of SPDR Deutschland