Europa und die USA werden sich langsamer als China erholen

Evan Brown, UBS
Evan Brown / Bild: UBS
Investoren müssen sich nicht nur darauf konzentrieren, wann sich die Volkswirtschaften wieder öffnen, sondern auch darauf, ob und wann sich Verbraucher und Unternehmen wieder sicher fühlen, in den Alltag zurück zukehren.″, sagt .UBS  hat die Erfahrungen in China analysiert, wo sich die Wirtschaft und der Konsum langsam erholen. Die Gesellschaft dort hat ihr Verhalten grundlegend geändert, um das  Infektionsrisiko zu verringern. Europa und die USA werden wahrscheinlich größere Schwierigkeiten haben, sich zu normalisieren als China oder andere nordasiatische Länder, da die individuelle Akzeptanz von Rückverfolgung und Überwachung möglicherweise geringer ist.
 
Es gibt natürlich große Unterschiede zwischen den Ländern weltweit, da der Infektions-Schweregrad durch den Virus unterschiedlich hoch ist, die Infrastruktur des öffentlichen Gesundheitswesens einschließlich Tests und Rückverfolgung von Kontakten sehr verschieden ist, es abweichende makropolitische Reaktionen gibt und individuelle Wiedereröffnungsstrategien sowie politische und kulturelle Gegensätze bestehen.

Chinas "Wiedereröffnung"

Die chinesische Strategie zur Eindämmung des Virus beinhaltete eine fast zweimonatige Abriegelung von Wuhan, die am 25 März endete. Die Zentralregierung drängte auf eine Wiederaufnahme der Arbeit, setzte sich aber gleichzeitig dafür ein, die etwaige zweite Wellen einzudämmen. Dies erforderte ein starkes Kontaktverfolgungssystem, Überwachung, Fieberkontrollen und einige Reise-Quarantänebestimmungen. So schreibt China beispielsweise immer noch vor, dass Einzelpersonen Strichcodes auf ihren Telefonen haben müssen, die anderen ihr relatives Gesundheitsrisiko signalisieren, bevor sie öffentliche Verkehrsmittel benutzen oder Gebäude betreten dürfen. Potenziell gefährdete Personen müssen mit einer vorgeschriebenen Quarantäne rechnen, wenn sie als hohes Risiko für andere angesehen werden. Es gab zwar kleinere Neu-Ausbrüche des Virus an bestimmten Orten, aber die meisten scheinen aus anderen Ländern importiert worden zu sein. Als Reaktion darauf  hat China den internationalen Reiseverkehr stark eingeschränkt und strenge Quarantänerichtlinien für Einreisende erlassen.
 
Angesichts der Herausforderung, die Wirtschaft wieder zu öffnen und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass das Virus eingedämmt wird, war das Gefälle der wirtschaftlichen Aktivitäten zu Beginn zwangsläufig flach und stieg allmählich an, als die Regierung und die Öffentlichkeit mehr Vertrauen in die  Gesundheitsbedingungen gewannen. Allerdings kann man eine Veränderung in einem Großteil des Tagesablaufs der Bevölkerung feststellen. Die Fahrgastzahlen im öffentlichen Nahverkehr sind weit unter dem Niveau vor dem Ausbruch geblieben, und viele ziehen es vor, mit dem Auto zur Arbeit zu fahren. Tatsächlich haben die Verkehrsstaus in den Städten fast wieder das Niveau von vor dem Ausbruch der Pandemie erreicht. Doch die Länge dieser Spitzenverkehrszeiten ist
zurückgegangen, da die Menschen sich dafür entscheiden, nach der Arbeit aus den Stadtzentren nach Hause zurückzukehren, anstatt aus Freizeitgründen draußen zu bleiben.

Erste Lehren aus Chinas Erfahrungen

Der etwa zweimonatige Wiedereröffnungsprozess Chinas bietet einige Anhaltspunkte dafür, was Europa und die USA erwarten könnten. Zum Beispiel, dass es wahrscheinlich eine sehr zögerliche und allmähliche Erholung in den entwickelten Volkswirtschaften geben wird. Nur, weil ein Betrieb wiedereröffnet wurde, bedeutet dies nicht, dass die Verbraucher in Scharen dorthin strömen werden, wenn sie sich generell von überfüllten Orten fernhalten wollen. Eine damit zusammenhängende und logische Schlussfolgerung ist, dass die Wahrscheinlichkeit, dass die Menschen wieder halbwegs zu einem normalen Alltag zurückkehren, umso größer ist, je sicherer sie sich fühlen, sei es aufgrund eines geringen Fallzahlenwachstums in der unmittelbaren Umgebung oder aufgrund  des Vertrauens in die öffentliche Gesundheitsinfrastruktur.
Es gibt natürlich Gründe, eine weniger erfolgreiche Rückkehr zur Normalität in den entwickelten  Volkswirtschaften zu erwarten als die Erfahrungen Chinas zeigen. Die USA und Europa haben viel schwerwiegendere Ausbrüche und längere Hochebenen des Wachstums neuer Fälle erlebt, bevor sie zurückgegangen sind. Die Arbeitslosenquoten,insbesondere in den USA, schießen im Vergleich zu denen Chinas in die  Höhe.

Vorsicht an den Märkten

An den regionalen und globalen Märkten ist Vorsicht angebracht, da die Situation sehr dynamisch ist und es sich um eine gänzlich neue Krise handelt. So ist die globale Wirtschaftsleistung in beispiellosem Umfang eingebrochen und auch die fiskal- und geldpolitischen Stimulusmaßnahmen besitzen einen enormen Umfang, sodass beträchtliche Kapitalbeträge auf dem Spiel stünden. Daher nur sehr eingeschränkt möglich, Parallelen aus vorangegangenen Phasen zu ziehen, um die Auswirkungen der aktuellen Krise abschätzen zu können. Hierzu folgendes Beispiel: seit dem 1. März hat sich die Bilanzsumme der US-Notenbank Federal Reserve um 2,41 Billionen US-Dollar ausgeweitet. Im Vergleich dazu war sie in den sechs Jahren nach der großen Finanzkrise und während der Umsetzung von vier quantitativen Lockerungsprogrammen um 3,6 Billionen US-Dollar gestiegen. Somit hat sich die Zentralbankbilanz bereits um zwei Drittel des Gesamtbetrages der größten und längsten jemals realisierten monetären Stimulus-Operation erhöht – in nur acht Wochen.

Auswirkungen auf den Markt

Die obigen Ausführungen legen nahe, dass bei Risikoanlagen Vorsicht geboten ist, da die globalen Aktienmärkte eine schnellere Erholung mit größerer Sicherheit einzupreisen scheinen, als dies angesichts der Erfahrungen Chinas und der Unterschiede zu westlichen Volkswirtschaften wahrscheinlich ist. Der S&P 500 ist für 2020 nur um etwa 10 Prozent gefallen, was angesichts des starken Rückgangs der Wachstumsaussichten und der hohen Bewertungen zu Beginn des Jahres recht bemerkenswert ist. Es ist anzunehmen, dass die politische Unterstützung weitgehend eingepreist ist, und dass die derzeitigen Bewertungen die bedeutende Unsicherheit in Bezug auf Wachstum und Gewinne in den kommenden Quartalen und Jahren nicht angemessen berücksichtigen. In der Tat haben die politischen Entscheidungsträger zwar dazu beigetragen, Liquidität bereitzustellen, aber sie haben das Solvenzrisiko nicht beseitigt. Die Kredit- und Aktienperformance wird wahrscheinlich eher seitwärts verlaufen. 
 
Eine derzeitige Aktienallokation, sollte die auch Sektoren einschließen sollte, die momentan weniger stark von der  Abschottung betroffen sind, wie zum Beispiel Kommunikationsdienste oder das Gesundheitswesen. Es ist zu erwarten, dass die am meisten ausverkauften Sektoren (unter anderem Automobile, Banken und Energie) bald ihren Tiefpunkt erreichen, da sie zu Preisen einer tiefen Rezession gehandelt werden und sich schließlich erholen sollten. Für Investoren mit einem längeren Zeithorizont und reichlich Risikotoleranz wird es sich wahrscheinlich auszahlen, in diesen Sektoren bei Rückgängen zu kaufen.
Evan Brown, ist Head of Multi-Asset Strategy bei UBS Asset Management (UBS-AM)