Marktteilnehmer ignorieren miserable Wirtschaftsnachrichten

Mark Dowding, BlueBay
Mark Dowding / Bild:  BlueBay
Die euphorische Stimmung angesichts des Endes der Lockdown-Periode in vielen europäischen Ländern lockt Anleger zurück in Risikoanlagen. Doch der Weg zu einer vollumfänglich funktionierenden Wirtschaft bleibt weit – nicht zuletzt durch die vom Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe aufgedeckten Widersprüchlichkeiten in der EZB-Politik und die unentschlossen wirkende Haltung der EZB-Spitze.
Miserable Wirtschaftsnachrichten werden von den Marktteilnehmern derzeit weitgehend ignoriert – die euphorische Stimmung angesichts des Endes der Lockdown-Periode in vielen europäischen Ländern überwiegt. Obwohl in den USA im vergangenen Monat 20 Millionen Arbeitsplätze verloren gingen und die Arbeitslosenquote auf mehr als 15 Prozent gesprungen ist, halten die Anleger an Risikoanlagen fest. Es wird jedoch immer deutlicher, dass noch ein langer Weg vor uns liegt, bevor die Produktion auch nur auf das Niveau von Ende 2009 zurückkehrt. Dennoch stimmen die jüngsten vorsichtigen Schritte zur Öffnung der Volkswirtschaften (vorläufig) optimistisch, dass es nicht zu einer zweiten Infektionswelle kommt.

Die EZB muss noch entschlossener handeln

In Europa eckt das deutsche Bundesverfassungsgericht (BVerfG) mit seinem Urteil gegen einige Aspekte des Asset-Kaufprogramms der EZB bei den Anlegern an. Am meisten beunruhigt dabei, dass sich ein nationales Verfassungsgericht gegen den Europäischen Gerichtshof stellt. Die EZB dürfte sich zwar nicht an den Widerspruch des BVerfG gebunden fühlen, doch das Karlsruher Urteil könnte dazu dienen, die gegen eine massiv gelockerte Geldpolitik eingestellten Falken in der EZB-Spitze zu ermutigen. Die zutage tretenden Widersprüchlichkeiten festigen die Befürchtung vieler Marktteilnehmer, dass die EZB nicht in der Lage sein wird, ihrem Anspruch gerecht zu werden, innerhalb ihres Mandats ,alles (zu) tun, was erforderlich ist, um den Euro-Raum in dieser Krise zu unterstützen‘. In den vergangenen zwei Wochen hat die EZB ihre Käufe von PEPP-Anleihen mit einer deutlichen Unwucht zugunsten der Eurozone-Peripherie intensiviert, um einen Anstieg der Renditen zu verhindern. Die Anleihen-Spreads zeigen sich davon jedoch unbeeindruckt: Es ist offensichtlich, dass die EZB noch entschlossener handeln muss, wenn sie ihre Ziele erreichen will.

Wir bleiben allerdings sehr zuversichtlich

Wir bleiben allerdings sehr zuversichtlich, dass die EZB ihr Engagement verstärken wird. Niemand hat ein Interesse daran, dass die EU aus den Fugen gerät. Im Fall aller Fälle, der hoffentlich unwahrscheinlich bleibt, erwarten wir, dass die EZB in unbegrenzter Menge Anleihen kauft. Infolgedessen ist es für Anleger angebracht, ihr Engagement in der Eurozone-Peripherie bei Marktrücksetzern zu erhöhen.
 
Insgesamt dürften sich vorrangig qualitativ hochwertige Anlagen mit Investment-Grade-Rating aufgrund der Käufe der EZB und der US-Notenbank Federal Reserve gut entwickeln. Gegenüber Anlagen mit niedrigerem Rating bleiben wir vorsichtig.