Bislang unbekanntes Terrain

Nitesh Shah, WisdomTree
Nitesh Shah / Bild: WisdomTree
Im 1. Quartal 2020 gerieten die Vermögensmärkte unter die Räder. Der Einbruch der Nachfrage durch den plötzlichen Stopp der globalen Aktivitäten im Zusammenhang mit der COVID19-Pandemie führte zu einem abrupten Rückgang der zyklischen Vermögenspreise von Aktien über Kredite bis hin zu Basismetallen und Öl. Es schien nirgendwo Schutz zu geben. Selbst Gold zeigte sich anfangs nicht immun gegen den Verkaufsdruck. Aber aus einem ganz bestimmten Grund: Die großen Aktienabzüge ließen einen Durst nach Liquidität aufkommen. Der steile Rückgang der Risikoaktiva führte dazu, dass die Anleger Gold verkauften, um Mittel zur Deckung ihrer Margenforderungen zu generieren. Das war ein Beweis für die Rolle von Gold als liquide Anlage. Jetzt, da die Zentralbanken dem System beispiellose Mengen an Liquidität zugeführt und große Swap-Linien eröffnet haben, scheint der Verkaufsdruck auf Gold nachgelassen zu haben. Zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikels steigt der Goldpreis und übertrifft das zuletzt im Dezember 2012 erreichte Niveau.

Wohin tendiert Gold für den Rest dieses Jahres?

Da Dauer und Ausmaß des COVID19-Schocks auf die Weltwirtschaft schlicht und einfach unbekannt sind, ist es besonders schwierig, etwaige Vermögenspreisbewegungen vorherzusagen. Mithilfe des von WisdomTree entwickelten Modellrahmens, der in einer Abhandlung unter dem Titel "Gold: Wie wir das Edelmetall bewerten" erläutert wird, sind einige Beispielszenarien darstellbar.
 
Es gibt beinah unendlich viele beschreibbare Szenarien. In den letzten Wochen bewegten sich die Treasury-Renditen in einer sehr großen Bandbreite - von 0,54 Prozent am 9. März 2020 bis 1,19 Prozent am 18. März 2020. Diese ganze Spanne ist niedriger als zu Beginn der Krise. Ebenso bewegte sich der US-Dollar-Korb von einem Tiefstand von 95 am 9. März auf 103 am 20. März 2020. Angesichts der Volatilität der Vermögensmärkte ist es heute schwieriger als je zuvor, für alle Variablen des Modells den richtigen Weg zu finden. Es ist wahrscheinlich, dass sich einige Parameter auf bislang unbekannte Niveaus bewegen werden. Innerhalb von zwei Hauptszenarien ist dies versuchsweise darstellbar:  einer "V-förmigen" und einer "U-förmigen" wirtschaftlichen Erholung. Frühere Krisen deuten eher auf eine U-förmige Erholung hin, dennoch sollen beide Szenarien veranschaulicht und einander gegenüberstellt werden.

Prognosen zum Goldpreis

Quelle: WisdomTree Model Forecasts, Bloomberg Historical Data, Daten verfügbar bis Ende 9. April 2020. Prognosen sind kein Indikator für die zukünftige Performance, und alle Investitionen unterliegen Risiken und Unsicherheiten

V-förmige wirtschaftliche Erholung

Die V-förmigen Konjunkturerholungsprognose unterstellt, dass die Auswirkungen von COVID19 auf die Wirtschaft weitgehend vorübergehender Natur sind. Das bedeutet, dass die wirtschaftlichen Aktivitäten wieder aufgenommen werden, wenn die Praktiken der sozialen Distanzierung aufhören, der globale Handel wieder in Gang kommt und die in den ersten zwei Quartalen des Prognosehorizonts angewandte Lockerung der Politik in den letzten beiden Quartalen rückgängig gemacht werden kann. Der Abwärtsdruck auf die Treasury-Renditen nimmt in diesem Szenario zunächst ab, in der zweiten Hälfte des Prognosehorizonts steigen die Renditen. Die spekulative Positionierung in Gold-Futures nimmt von einem erhöhten Ausgangspunkt aus aufgrund der abnehmenden Besorgnis der Marktteilnehmer allmählich ab. In diesem Szenario steigt Gold zwar anfänglich stark an, gibt jedoch all seine Gewinne bis zum Ende des Zeitraums mehr als zurück.

U-förmige wirtschaftliche Erholung

Die U-förmige Konjunkturerholungsprognose unterstellt, dass die Weltwirtschaft Mühe hat, sich von COVID-19 zu regenerieren. Die von den Zentralbanken und Finanzbehörden zur Verfügung gestellten Fazilitäten werden stark in Anspruch genommen und ausgeweitet. Weitere geldpolitische Lockerungsmaßnahmen wären in diesem Szenario möglich. Der Abwärtsdruck auf die Treasury-Renditen nimmt mit der Lockerung zu. Die spekulative Positionierung bei Goldterminkontrakten steigt auf Niveaus, denen wir zwar nahe gekommen sind, die wir aber in der Vergangenheit nie erreicht haben. Die Niveaus bleiben bis zum Prognosehorizont erhöht. Dies spiegelt die Besorgnis der Märkte über den Zustand der Welt und die künftigen Folgen beispielloser politischer Maßnahmen wider. Im U-Szenario steigt der Goldpreis zu Beginn des Prognosehorizonts über 2000 US Dollar pro Unze - und markiert damit ein Allzeithoch - und er steigt dann weiter an, bis er das erste Quartal 2021 bei 2.200 US Dollar pro Unze beendet.

Ausblick über die 1-Jahres-Prognose hinaus

Wir glauben, dass eine U-förmige wirtschaftliche Erholung wahrscheinlicher ist als die einer V-förmigen. Daher könnten auch nach dem 1. Quartal 2021 geld- und fiskalpolitische Stimulierungsmaßnahmen im Spiel sein. Wir glauben zwar, dass die inflationären Auswirkungen im kommenden Jahr gedämpft sein werden, aber es besteht die Gefahr, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt so viel frisch geprägtes Geld, Steuererleichterungen und Schecks, die der Öffentlichkeit angeboten werden, eine inflationäre Wirkungen auslösen könnten. Dieses Risiko nimmt zu, wenn die Entwöhnung von diesen politischen Impulsen schwierig wird. Die Goldpreise könnten möglicherweise auf Jahre hinaus Unterstützung finden, wenn die Inflation infolge des heutigen Konjunkturanreizes ansteigt.
Nitesh Shah ist Director Research beim ETP-Anbieter WisdomTree.

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