Europa - Argumente für koordinierte Ausgaben zur Konjunkturbelebung gestärkt

Agnes Belaisch, Barings
Agnes Belaisch / Bild. Barings
Es war beruhigend zu sehen, dass die europäischen Regierungen schnell auf den Pandemieschock reagiert haben. Eine Reihe von nationalen Konjunkturprogrammen war angekündigt worden, die nicht immer sehr umfangreich, aber ein guter Anfang waren. Wie immer war auch die EZB zur Stelle, um die Liquidität der Wirtschaft und die Finanzierung der öffentlichen Pandemiehaushalte zu unterstützen. Die Märkte waren bereit, sich auf ein erfolgreiches Zusammenwirken einzulassen und eine Rallye zur Unterstützung einzuleiten. Oft läuft aber auch etwas schief in der Eurozone. So hat das Deutsche Bundesverfassungsgericht die Hoffnung auf eine starke Erholung enttäuscht, indem es die Befugnisse der EZB infrage stellte. In einer lebensbedrohlichen Krise ist das Vertrauen in die Fähigkeit der öffentlichen Institutionen, alles in der Macht stehende zu tun, ein entscheidender Faktor. Damit wird in der Eurozone die Rezession tiefer, die politische Reaktion schwächer, das Risiko größer und der Aufschwung langwieriger sein als in anderen fortgeschrittenen Volkswirtschaften.

Gemeinsamer Plan für Europa

Andererseits sind die Argumente für koordinierte Ausgaben zur Rettung des Euroraums weiter gestärkt worden. Die Europäische Kommission hat heute Morgen in ihrer Frühjahrsprognose ein demütigendes Szenario vorgelegt. Demnach werde das BIP-Wachstum in diesem Jahr um 7,4 Prozent einbrechen und der erwartete Aufschwung von 6,3 Prozent im Jahr 2021 nicht ausreichen, um den Verlust auszugleichen. Zudem würden sich die einzelnen Länder sehr ungleichmäßig erholen, wobei die Wirtschaftstätigkeit in Italien, Griechenland und Frankreich am stärksten und in Deutschland am wenigsten schrumpfen dürfte. Eine derart große Divergenz ebnet den Weg für ein außergewöhnliches Abwärtsrisiko für den Euroraum, das die Dynamik in der Währungsunion verzerrt. Dies kann die Mitgliedstaaten letztlich nur dazu motivieren, einen großen gemeinsamen Plan für Ausgaben zur Konjunkturbelebung auszuarbeiten, um dieses Haupthindernis für einen nachhaltigen, dynamischen Euroraum zu beseitigen.
Agnès Belaisch ist seit 2019 für Barings tätig und arbeitet an einer Vielzahl von Themen, die von der makroökonomischen Analyse bis hin zu verantwortungsbewussten Finanzen reichen. Sie ist seit 1996 in der Branche tätig und verbrachte insbesondere 10 Jahre beim IWF in Washington, DC, wo sie eine Vielzahl von Regierungen in Lateinamerika, Europa und Asien beriet. Zudem arbeitete sie als Managerin für festverzinsliche Schwellenländerfonds in London. Agnès Belaisch hat einen Doktortitel in Wirtschaftswissenschaften von der New York University.