Derrick und Harry

Alexis Bienvenu, La Financière de l‘Échiquier
Alexis Bienvenu / Bild: La Financière de l‘Échiquier
In der vergangenen Woche hielten zwei der wichtigsten Zentralbanken der Welt kurz nacheinander ihre Sitzungen ab: Zunächst die US-amerikanische Fed, dann die Europäische Zentralbank (EZB). Aber was für ein Unterschied! Die Märkte haben sich nicht getäuscht. Denn während die Märkte nach der Intervention der Fed deutlich im Plus schlossen, lagen sie nach der Intervention der EZB stark im Minus – allen voran die europäischen Indizes.

Fed betont, dass Kredite zurückgezahlt werden müssen

Dabei verkündete die US-Notenbank im Gegensatz zur EZB nichts Neues. Die Fed hatte bereits am 9. April wichtige Neuerungen angekündigt, insbesondere den Ankauf spekulativer Anleihen und die Vergabe größerer Kredite an verschiedene Institutionen (Unternehmen, Einheiten unterhalb der Bundesebene, Gebietskörperschaften usw.). Der Aktienmarkt verzeichnete daraufhin einen kräftigen Anstieg. Abgesehen von der tatsächlich erfolgten Zusicherung, dass sie ihr Programm ohne Beschränkung von Umfang und Dauer steigern könne, erwartete man von der Fed nichts Neues. Ein wenig Enttäuschung kam lediglich dadurch auf, dass ihr Präsident Jerome Powell bekräftigte, die gewährten Kredite seien keine Subventionen und müssten zurückgezahlt werden. Das mag selbstverständlich klingen, aber zwischen den Zeilen lässt sich herauslesen, dass die Fed nicht bereit ist, sogenanntes „Helikoptergeld“ auszugeben, d. h. zusätzliches Geld zu drucken, um es zu verteilen. Durch den unbegrenzten Ankauf der Schuldtitel des Bundes, der sich auf diese Weise nahezu zum Nulltarif verschulden kann, tut sie allerdings genau dies – wenn auch in aller Stille. Grundsätzlich müssen diese Anleihen jedoch vom amerikanischen Staat zurückgezahlt werden. Es sei denn, die Regierung würde die Tilgung der Schulden mithilfe neu begebener Schuldtitel finanzieren, welche die Fed wiederum zurückkaufen könnte, usw. Letztlich würden die Schulden damit nicht zurückgezahlt.

Banken bekommen Kredite zu negativen Zinsen

Die EZB verkündete niedrigere Zinsen für Banken im Rahmen des bestehenden Langfrist-Kredit-Programms („TLTRO“). Künftig können die Kreditinstitute sich in bestimmten Fällen zu einem negativen Zinssatz von bis zu minus ein Prozent verschulden. Das heißt, Banken erzielen bereits dann Gewinne, wenn sie Geld von der EZB entleihen, um es an andere Wirtschaftsakteure zu verleihen. Es wurden allerdings kaum weitere starke Maßnahmen beschlossen. Insbesondere wies die EZB darauf hin, dass sie im Gegensatz zur Fed nicht vorhabe, „spekulative“ Anleihen aufzukaufen.

EZB mit engeren Grenzen als die Fed

Zugegebenermaßen gelten für die Europäische Zentralbank aufgrund ihres Mandats engere Grenzen als für die Fed. Die Aufgabe der EZB beschränkt sich darauf, die mittelfristige Inflation auf ein Niveau von knapp unter zwei Prozent zu bringen, während zu den Zielen der Fed auch die Förderung der Vollbeschäftigung und die Vermeidung der Insolvenz gesunder Unternehmen mit Refinanzierungsschwierigkeiten gehören. Die EZB muss ihr Handeln daher mit dem Deflationsrisiko und der Stabilität der Eurozone begründen, während die Fed mehr Spielraum besitzt.
 
Letzten Endes können die beiden unterschiedlichen Mandate jedoch auf das Gleiche hinauslaufen, denn eine hohe Arbeitslosigkeit kann zu Deflation führen. Dies ist jedoch kein Automatismus, denn Arbeitslosigkeit kann auch mit Inflation Hand in Hand gehen, wie etwa die Ölpreiskrise in den 1970er-Jahren gezeigt hat. Zudem macht die Komplexität der Sache die Maßnahmen weniger effizient. Dies ließ sich nach der Finanzkrise im Jahr 2008 beobachten: Obwohl die Krise in den USA ihren Anfang nahm, litt Europa letztlich am stärksten unter den Folgen, und das Gesamt-BIP und die Arbeitslosenquote Europas erreichten erst deutlich nach den USA wieder das Niveau aus der Zeit vor 2008. Sicherlich geht die Erholung in den USA nicht allein auf das Konto der Fed. Doch sie ist daran auch nicht ganz unbeteiligt. Der aktuelle Kleinmut der Europäer könnte dazu führen, dass sich dieses Szenario wiederholt.

Die EZB ist nicht Derrick

Dennoch sollten wir die Hoffnung nicht aufgeben. Schließlich hat die EZB ihre Reaktionsfähigkeit bereits mehrfach bewiesen. Im Juli 2012 wurde durch die Intervention des damaligen EZB-Präsidenten Mario Draghi die Einheit der Eurozone bewahrt und die EZB begann deutlich vor der Fed mit dem Ankauf von Unternehmensanleihen. Überdies liegt die Größe ihrer Bilanz im Verhältnis zum BIP der Eurozone über der ihres US-amerikanischen Pendants.
 
Wollen wir hoffen, dass die EZB die Mittel findet, um die Eurozone richtig zu unterstützen. Dafür müssen jedoch die internen Streitigkeiten beigelegt werden, und es braucht mehr Geduld als bei der Fed. Schade, dass sich die Klischees dieses Mal bewahrheiten. Hier Europa und seine Verzagtheit, dort eine entschlossene Fed. Hier Oberinspektor Derrick, dort Inspektor Harry.
Alexis Bienvenu ist Fondsmanager, La Financière de l‘Échiquier