Auswirkungen der Coronakrise auf den Technologiesektor

Stefan Kuhn, State Street Global Advisors/SPDR
Stefan Kuhn /Bild: State Street Global Advisors/SPDR

Während sich ein großer Teil der Weltbevölkerung auf eine neue Art des Arbeitens umstellt, haben wir einen großen Anstieg in der Nachfrage nach bestimmten Technologieformen festgestellt. Der Technologiesektor wird insgesamt wahrscheinlich nicht unversehrt aus der aktuellen Krise hervorgehen, wir sehen aber Wachstumschancen, die dem Sektor helfen könnten im Vergleich zu seinen Konkurrenten gut abzuschneiden.
Investoren haben den Technologiesektor in den letzten Jahren favorisiert, da er einen Zugang zu langfristigen Wachstumstrends wie Digitalisierung, Cloud Computing und der Entwicklung von 5G und künstlicher Intelligenz bietet. Trotz seiner beeindruckenden Wachstumsraten und Qualitätsmerkmale sah der Sektor Ende letzten Jahres teuer aus. Nach den erheblichen Kurseinbrüchen im ersten Quartal haben Investoren nun die Möglichkeit, in die langfristigen Trends der Technologie auf niedrigerem Niveau einzusteigen.

Wie wird es den Technologieunternehmen in der COVID-19-Krise ergehen?

Die aktuelle Krise  macht auch vor den Technologieunternehmen nicht halt, aber wir glauben, dass die Auswirkungen für den Technologiesektor im Vergleich zu anderen Sektoren nicht so schwerwiegend sein werden.

Der Technologiesektor ist kein defensiver, da er erheblich von den Investitionsausgaben der Unternehmen abhängt. Normalerweise würden solche Investitionen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten zurückgehalten werden, aber mit der Dynamik des digitalen Arbeitens und Home Office werden sich die Prioritäten bezüglich der Ausgaben wahrscheinlich ändern. Davon werden einige Unternehmen auch profitieren.

Um eine bessere Vorstellung davon zu bekommen, wie sich COVID-19 auf die Technologie auswirken könnte, sehen wir uns die potenziellen Auswirkungen auf drei wichtige Branchen an:

(1) Software-Anwendungen und -Dienstleistungen könnten von den neuen Home Office Regeln profitieren

Die Aktienkurse dieser Branchengruppe haben sich im bisherigen Jahresverlauf relativ gut gehalten (die Gesamtrendite des MSCI World Software lag bei -14 Prozent im Vergleich zum MSCI World Index mit -24 Prozent). Mehrere Software-Anbieter haben positive Renditen von über 30 Prozent erzielt, da die Nachfrage nach ihren Produkten, die u.a. Webkonferenzen, Remote-Desktop-Zugriff und Cybersicherheit ermöglichen, voraussichtlich steigen wird.
 
Die Software-Anbieter sind langfristig gut aufgestellt, da viele Branchen noch früh in der digitalen Transformation stecken und erheblicher Software-Investitionen  benötigen werden. Die meisten Softwareunternehmen werden jedoch inmitten einer weltweiten Konjunkturabschwächung eine gewisse Verlangsamung des Absatzes hinnehmen müssen. Eine Erleichterung könnte sich daraus ergeben, dass Millionen von Mitarbeitern weltweit plötzlich gezwungen sind, von zu Hause aus zu arbeiten, was zu einem Anstieg der Nachfrage nach Softwarelösungen für Kommunikation, Zusammenarbeit und Sicherheit führt. Je länger die Auswirkungen von COVID-19 andauern, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Unternehmen ihre Umstellung auf neue Anwendungen und Cloud-basierte Dienste beschleunigen werden.

(2) Hardware auf der Angebots- und Nachfrageseite

Die Hardware-Aktien waren in diesem Jahr schwächer als der Rest des Sektors (MSCI World Hardware -21 Prozent), aber sie haben sich immer noch besser entwickelt als der breitere Markt. Hardware-Produkte umfassen PCs, Smartphones, Speicher- und Datennetzwerkausrüstungen, wobei die größte Kundenbasis Verbraucherprodukte und Firmenkunden sind.

Die PC- und Smartphone-Hersteller wurden schon früh in dieser Pandemie von einem Mangel an elektronischen Komponenten aus China getroffen, als Wuhan in den Lockdown ging und die Störungen können noch Monate andauern. Es besteht jedoch die Hoffnung, dass der Nachholbedarf aus dem ersten und zweiten Quartal, im späteren Verlauf des Jahres den Markt wiederbeleben könnte. Weniger optimistisch ist man bei anderen großen Hardware-Anbietern, die langfristig mit einem Rückgang der Verkäufe von Servern und Speichern rechnen müssen, wenn der Umzug von lokalen Speichern zu Public Clouds beschleunigt wird.

(3) Halbleiter sind traditionell führend auf dem breiteren Markt

Die Preise der Halbleiteraktien fielen zunächst stark, haben sich aber in den letzten zwei Wochen wieder erholt (MSCI World Semiconductors -20 Prozent YTD). Chiphersteller sind zyklisch empfindlich, führen typischerweise einen wirtschaftlichen Auf- oder Abschwung an und können daher eine volatilere Performance aufweisen.

Insgesamt sind die Halbleiterunternehmen besser positioniert, um einen Abschwung durch das Coronavirus zu überstehen, da Smartphones und Verbesserungen der Cloud dazu beitragen können, die Schwäche der IT-Ausgaben der Unternehmen auszugleichen. Im Gegensatz zu Hardware haben die Chiphersteller die Public Cloud als dritten wichtigen Endmarkt. Konsensus-Prognosen sehen deutliche Einschnitte bei den Chip-Verkäufen im ersten Halbjahr, da die Autohersteller und industriellen Nutzer ihre Aufträge kürzen, wobei eine Wiederbelebung im zweiten Halbjahr vom Ausmaß und der Schwere der Krise abhängt. Langfristig sind Halbleiter unerlässlich, um die Umsetzung von IT-Infrastrukturplänen zu beschleunigen.
Stefan Kuhn ist Managing Director und Head of SPDR Deutschland