Glänzende Zeiten für Gold

Von Adrian Roestel, Reuss & Kollegen Vermögensverwaltung
Adrian Roestel / Bild: Reuss & Kollegen Vermögensverwaltung
Gold gilt als die Krisenwährung schlechthin. In unsicheren Zeiten, wenn Anleger ihr Geld in Sicherheit bringen, ist das schöne Edelmetall besonders begehrt. Im Zuge der Coronakrise müsste das eigentlich genauso sein. Die Weltwirtschaft stürzt in atemberaubender Geschwindigkeit in eine schwere Rezession, gleichzeitig gibt es – je nach Sichtweise - große Sorgen vor Deflation oder Inflation. Und wie es um das Vertrauen in unsere Währungen steht ist angesichts der gigantischen Rettungspakete, die die Welt vor einem wirtschaftlichen Kollaps beschützen sollen, auch noch nicht geklärt. Glänzende Zeiten also für Gold-Investments, sollte man meinen.

Goldpreis kurzfristig unter Druck aber...

Blickt man auf die aktuelle Preisentwicklung, ist davon allerdings nicht viel zu spüren. Seit Anfang Februar ist das Edelmetall auf Dollarbasis lediglich zwei Prozent teurer geworden. Der Grund für diese überraschende Entwicklung ist: Viele Investoren benötigten während des Aktiencrash dringend Liquidität, da sie von ihren Brokern aufgefordert wurden, Kapital nachzuschießen, um ihre auf Kredit gekauften Positionen zu halten. Da Gold eine sehr liquide Assetklasse ist, trennten sich viele Institutionelle von Goldbeständen. Dadurch kam der Preis kurzfristig unter Druck. Zum Höhepunkt der Marktverwerfungen stand sogar ein Minus von sieben Prozent zu Buche.

... mittelfristig dürfte der Preis steigen

Mittelfristig sollte das Edelmetall von der aktuellen Situation jedoch profitieren. Dafür gibt es mehrere Gründe. So ist zu erwarten, dass es angesichts vieler Insolvenzen und somit stark steigender Arbeitslosenzahlen zunächst zu deflationären Tendenzen kommen wird.  Solche Zeiten, die häufig mit ökonomischen Sorgen verbunden sind, gehen meist mit einer Flucht ins Gold einher. Die letzte ausgeprägte Phase dieser Art liegt zwar schon 90 Jahre zurück, kann aber durchaus als Beleg gelten. Allerdings dürften aufkommende deflationären Tendenzen nicht allzu lange anhalten, da insbesondere die Nahrungsmittelpreise nach oben tendieren werden. Dies zeigt ein Blick nach China, wo im Zuge einer beginnenden Normalisierung des sozialen und wirtschaftlichen Lebens bei eingeschränktem Angebot die Preise für Fleisch, Gemüse oder Reis zweistellig nach oben schossen.

Realzins spricht für Gold

Das wichtigste Argument für oder gegen Gold ist aber ohnehin der Realzins. Da im Zuge der Coronakrise die weltweiten Schuldenstände vieler Staaten und Unternehmen dramatisch steigen, werden die Zinsen noch für lange Zeit im Nullzinsbereich oder gar im negativen Terrain verbleiben. Dies ist mittel- bis langfristig das wichtigste Argument für den begehrten Rohstoff. Denn Gold wirft bekanntlich keine Zinsen ab. Wenn andere Anlagen aber ebenfalls keine Zinserträge liefern, macht das Gold relativ attraktiv. Nur bei einer heftigen deflationären Phase wäre das Realzinsargument negativ für Gold.

Gold bleibt beliebt

Auch auf der Nachfrageseite spricht nicht viel gegen das Edelmetall. Zwar könnte Russland, einer der größten Goldinvestoren weltweit, angesichts des niedrigen Ölpreises und entsprechend geringeren Staatseinnahmen seine Käufe deutlich reduzieren oder Gold gar verkaufen. Wahrscheinlich ist das jedoch nicht. Russland ist kaum verschuldet und die Goldbestände werden auch als Diversifikation zum US-Dollar gehalten. Dieses Argument hat eher an Stärke gewonnen. Ähnlich ist die Situation in China. Auch hier will man sich unabhängiger vom US-Dollar machen - zumal im Dollar die Erträge jetzt deutlich geschrumpft sind.

50 Prozent gehen an die Schmuckindustrie

Letztlich sollte auch der Druck aus der Schmuckindustrie, die für 50 Prozent der Nachfrage steht, den Preis nur moderat belasten. Zwar dürften in Indien und anderen asiatischen Ländern in Zeiten der Coronakrise weniger Geld für schönen Schmuck ausgegeben werden. Zu beachten ist jedoch, dass in diesen Ländern das physische Gold ebenfalls eine Wertaufbewahrungsfunktion innehat. Das könnte dafür sorgen, dass die Nachfrage nicht zu stark wegbricht. Hinzu kommt, dass in den vergangenen Wochen von einer sehr starken Nachfrage nach physischem Gold berichtet wird, welche hauptsächlich von Privaten ausgeht. Die Investmentnachfrage (ETFs) steigt ebenfalls deutlich an.

Der sichere Hafen

Auf die kurze Sicht sollte Gold in seiner Funktion als "sicherer Hafen" profitieren. Mittel- bis langfristig sprechen die niedrigen Nominalzinsen für eine steigende Nachfrage nach dem glänzenden Rohstoff. Mit anderen Worten: Über alle Zeitebenen hinweg gibt es überzeugende Argumente für Goldinvestments. Eine Übergewichtung bis maximal zehn Prozent des Vermögens ist in der aktuellen Situation berechtigt. Dies sollte bei der Portfoliostruktur berücksichtig werden.
 
Die größten Kopfschmerzen bereiten die Fragen der Regulierung. Hier gilt es, genau zu beobachten, inwieweit Gold von möglichen Investmentvorschriften oder steuerlichen Aspekten betroffen ist.
Adrian Roestel ist Leiter des Portfoliomanagements bei Huber, Reuss & Kollegen Vermögensverwaltung.

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