Zentralbanken stellen sich dem Kampf

Von Olivier de Berranger, La Financière de l’Échiquier
Olivier de Berranger / Bild: La Financière de l’Échiquier
In dieser außergewöhnlichen Zeit möchten wir unserem Marktkommentar folgende Zusicherung voranstellen: Wir von LFDE - La Financière de l’Echiquier sichern allen Familien, die von der Epidemie betroffen sind, unsere volle Unterstützung zu. Unser besonderer Dank gilt allen Ärzten und Pflegekräften.
Die Welt durchlebt aktuell eine der schwersten Krisen der Nachkriegszeit. In den vergangenen 70 Jahren hat es durchaus auch Kriege und Katastrophen gegeben. Doch die jähe – und willentliche – Stilllegung eines Großteils der Wirtschaft, in Kombination mit der Unterbindung sozialer und geschäftlicher Kontakte zwischen Menschen und Ländern sowie der Gefahr einer ungewöhnlich hohen Sterblichkeit in Friedenszeiten, ist völlig neu. In den Jahren der Finanzkrise 2008 und 2009 war das wirtschaftliche Leben ausgebremst, von einigen Banken abgesehen, jedoch nicht abrupt angehalten worden.

Stattliche staatliche Hilfe

In unserer gegenwärtigen Lage haben sich die Staaten glücklicherweise rasch um Maßnahmen bemüht. Die Pläne zur Unterstützung der Unternehmen, insbesondere staatliche Garantien für Bankdarlehen sowie von Miet- und Steuerstundungen, sind umfangreich. In Europa werden Unternehmen, denen Insolvenz drohen könnte, unterstützt und manche von ihnen möglicherweise verstaatlicht. Dies gilt insbesondere für Luftfahrtgesellschaften. Es ist zwecklos, die zusammen mehrere Billionen US-Dollar (bzw. Euro) betragenden Zahlungen im Einzelnen aufzuzählen, denn die versprochenen Summen übersteigen die Vorstellungskraft.

Auch an die privaten Haushalte wird gedacht

Auch an die privaten Haushalte wurde gedacht. Nach Hongkong schicken sich nun die USA an, privaten Haushalten direkt mit Schecks über bis zu 1.000 US-Dollar pro Erwachsenem unter die Arme zu greifen. Dies ist möglicherweise erst der Anfang. Einkommenseinbußen durch Kurzarbeit sollen vom Staat ausgeglichen werden.

Vertrauen stärken

Zudem werden alle Hebel in Bewegung gesetzt, um das Misstrauen der Wirtschaftsakteure einzudämmen und so die Abkühlung nicht weiter zu verschlimmern. Für die Wirtschaft muss alles Erdenkliche getan werden, damit schnellstmöglich sichergestellt ist, dass weiter gewirtschaftet und gearbeitet wird, Kredite aufgenommen werden können und schließlich für die Leistungen bezahlt wird – „koste es, was es wolle“, so die Worte des französischen Präsidenten. Dafür werden die Staaten einen hohen Preis zahlen müssen, doch der Preis würde noch höher ausfallen, wenn das Vertrauen schwände. Da dieser Preis per Kredit bezahlt wird, d. h. über Staatsanleihen, die vor allem von den Zentralbanken gekauft werden, ist dieser Weg zu verkraften, solange die Zinsen niedrig bleiben. Der Mechanismus läuft wie geschmiert.

Ein historischer Volatilitätsschock

Auch die Märkte wurden intensiv betreut. Angesteckt durch das Misstrauen, die Verringerung der Hebeleffekte und die aufgrund der Ausgangsbeschränkungen heiklen betrieblichen Umstände erlitten sie zunächst einen historischen Volatilitätsschock. So brach etwa der amerikanische VIX, der Index der impliziten Volatilität von Derivaten, seinen Rekord aus dem Jahr 2008. Die Liquidität versiegte zeitweilig – selbst bei hochwertigen Unternehmensanleihen mit kurzer Laufzeit, die grundsätzlich zu den sichersten Instrumenten gehören. Um Abhilfe zu schaffen, kündigte die Europäische Zentralbank für 2020 ein gigantisches Anleihekaufprogramm von mehr als einer Billion Euro an. Die US-Notenbank Fed versorgte ihrerseits den Geld- und Interbankenmarkt mit Liquiditätsspritzen, um die Liquidität der als sicher geltenden Vermögenswerte, die fast gekippt wären, zu gewährleisten.

Nur keine Rezession

Alles ist darauf eingestellt, die Wirtschaft nicht in die drohende Rezession abrutschen zu lassen. Vermutlich lässt sich dies letztlich nicht völlig verhindern, doch dürften so die Schäden immerhin abgeschwächt werden. Die diesbezüglichen Maßnahmen der einzelnen Staaten sind noch nicht perfekt synchron, doch zumindest zeichnet sich eine Angleichung ab.

Eine historische Zäsur

Der März des Jahres 2020 markiert damit eine Zäsur. Wir erleben gerade einen historischen Augenblick. Die 2008 eingerichteten Mechanismen wurden noch stärker betätigt als zuvor. Im Sinne der Erhaltung des Wirtschaftssystems muss man hierüber froh sein. Aber wir taumeln in eine Welt, in der noch deutlich höhere Staatsschulden auf uns zukommen könnten. Daher müssen die Realzinsen weiterhin niedrig bleiben, damit die Schulden am Ende tragbar sind. Für das nächste Jahrzehnt bedeutet das, dass neben dem Kampf gegen den Klimawandel noch weitere Herausforderungen zu bewältigen sind und uns somit ein noch geringeres Wachstumspotenzial bevorsteht.
 
Die Rettung der Wirtschaft wird mühselig sein, aber die Zentralbanken haben gezeigt, dass sie sich dem Kampf stellen. Dies gibt uns Zeit, ein wenig zu verschnaufen.
Olivier de Berranger ist Chief Investment Officer, Alexis Bienvenu Fondsmanager von La Financière de L‘Echiquier, Enguerrand Artaz Fondsmanager