Eine Rezession ist wahrscheinlich

Frank Häusler, Vontobel Asset Management
Frank Häusler / Bild: Vontobel Asset Management
 
  • Keine Anzeichen, dass die Krise zu einem strukturellen Problem wird
  • Konventionelle Feuerkraft der Notenbanken erschöpft
  • Fiskalpolitische Maßnahmen nötig, um ernsthaftes zyklisches Phänomen zu vermeiden
Trotz der hoffnungsvollen Anzeichen aus China setzt sich die Verbreitung des neuen Coronavirus im Rest der Welt unvermindert fort. Da das Wirtschaftsleben überall zum Stillstand gekommen ist,
werden die Eurozone und Japan wahrscheinlich mindestens in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen
eine Rezession erleben.
 
Die letzten Tage und Wochen haben die Verwundbarkeit eines jahrzehntelangen Bullenmarktes
deutlich gemacht. Den Anlegern blieben bis auf US-Treasuries, und bis zu einem gewissen Grad
deutsche und schweizerische Staatsanleihen, nur wenige Optionen. Gold kommt auch gerade noch in
Frage. Wenn die Regierungen durch Fiskalausgaben und die Zentralbanken dafür sorgen, dass es nicht
zu viele Zahlungsausfälle gibt und wir alle in drei Monaten noch einen Gehaltsscheck erhalten, sollte
sich die Wirtschaft im späteren Verlauf des Jahres stabilisieren. Sobald die Märkte an diese
Geschichte glauben, wird es Zeit, Aktien zu kaufen.

Die Regierungen müssen sich an die Arbeit machen

Die jüngsten Zinssenkungen haben die "konventionelle" Feuerkraft, die den meisten großen "westlichen" Zentralbanken verblieben war, deutlich verringert oder gar ganz beseitigt. Die Zinssenkung der US-Notenbank auf Null war richtig, die Europäische Zentralbank hat sich hingegen nur langsam bewegt. Die jüngste Äußerung der Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, dass die EZB "nicht dazu da ist, um die Spreads zu verengen" kam bei den Märkten schlecht an und war ein klarer Hinweis darauf, dass die EZB noch nicht im Krisenmodus war. Lagarde sprach hier aus der Perspektive einer Anwältin. Marktbeobachter wiesen schnell darauf hin, dass dies das Gegenteil von Mario Draghis berühmtem Zitat "what ever it takes" sei. Vor fast acht Jahren retteten diese Worte den Euro in einer ähnlichen Krise, die auch Italien betraf. Am 18. März schien die EZB jedoch den Ernst der Lage anzuerkennen und kündigte ein Anleihenkaufprogramm in Höhe von 750 Milliarden Euro an, um die Märkte mit Liquidität zu versorgen.
 
Eine der Optionen, die den Zentralbanken noch zur Verfügung stehen, sind unkonventionelle Maßnahmen, wie zum Beispiel negative Zinssätze in den USA - ein Szenario, das die Fed wiederholt abgelehnt hat. Darüber hinaus hat die New Yorker Fed begonnen, eine Zweckgesellschaft einzusetzen, die zuletzt während der Finanzkrise in Aktion trat, um Unternehmen direkt mit Liquidität zu versorgen.
 
Da den Zentralbanken offenbar die Hände gebunden sind, wird nun von den Regierungen erwartet, dass sie handeln. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, dafür zu sorgen, dass die Zahl der Zahlungsausfälle von Unternehmen so gering wie möglich ist und dass die Arbeitnehmer auch in drei Monaten noch bezahlt werden. Zu solchen Maßnahmen könnten Steuererleichterungen, Steuersenkungen und direkte oder indirekte finanzielle Unterstützung für bestimmte Branchen gehören, die vorübergehend Personal entlassen müssen oder denen ein sofortiger Konkurs droht. In dieser Hinsicht wurde schon viel auf den Weg gebracht, aber die Maßnahmen müssen nun zügig umgesetzt werden. Andernfalls werden wir ein Problem haben.

«Stay away and buy after May»?

Eine Rezession ist in Japan und höchstwahrscheinlich auch in der Eurozone unvermeidlich. Die USA werden für das gesamte Jahr 2020 wahrscheinlich ein Wachstum von fast Null verzeichnen, während die erwarteten 5 Prozent in China einer der wenigen Lichtblicke sind. Jede globale Erholung wird nur langsam vonstatten gehen und eher einem "U" als einem "V" gleichen. Erste Anzeichen einer Entspannung werden möglicherweise erst im Laufe des Sommers auftauchen, abhängig von einer wirtschaftlichen Erholung in Ländern wie China. Die aktuelle Krise, die immer noch ereignisgesteuert ist, könnte sich zu einem ernsthafteren zyklischen Phänomen entwickeln, wenn die Zentralbanken und die Regierungen keine geeigneten Maßnahmen ergreifen. Bisher gibt es jedoch keine Anzeichen dafür, dass die derzeitige Krise zu einem strukturellen Problem werden könnte, wie es zu Zeiten der Großen Depression in den 1930er Jahren der Fall war.
 
Die Anlagestrategen von Vontobel haben zwar ihre Aktienposition von neutral auf untergewichtet geändert (was lange Zeit nicht geschehen ist), aber die Gewichtung der Anleihen von neutral auf übergewichtet erhöht. Die Entwicklung der letzten Tage hat ihnen Recht gegeben. Wenn die Finanzmärkte davon überzeugt sind, dass die Dinge sich bessern – die Geschwindigkeit der Virusausbreitung verlangsamt sich, die Spreads zwischen US-Treasuries und risikoreicheren Anleihensegmenten verengen sich, die Verbraucher geben wieder Geld aus und die Branchen setzen geplante Investitionen um –, wird dies ein günstiges Zeichen und ein möglicher Grund für eine Übergewichtung von Aktien sein. Kurzfristig wird es jedoch nur langsam vorangehen.
Frank Häusler, Chief Strategist bei Vontobel Asset Management