Coronavirus-Update: Angst vor dem Unbekannten belastet die Marktstimmung

Stefan Kuhn, State Street Global Advisors/SPDR
Stefan Kuhn / Bild: State Street Global Advisor/SPDR
  • Sich schnell entwickelnde Bedingungen bringen große Unsicherheit
  • Die Risikomärkte dürften dem Nachrichtenzyklus folgen; die Märkte könnten sich bei guten Nachrichten wieder erholen
  • Die politischen Entscheidungsträger, einschließlich der US-Notenbank (Fed), scheinen bereit zu sein, das Wirtschaftswachstum zu unterstützen
  • Wir beobachten das Konsumentenverhalten insbesondere auf Veränderungen im Zusammenhang mit der Beschäftigungssituation
  • Wir sind etwas defensiver geworden, wo dies gerechtfertigt ist, glauben aber, dass der Marktrückzug ausgewählte Kaufgelegenheiten schaffen wird
Die Furcht vor einer Pandemie hat die globalen Aktienmärkte in dieser Woche hart getroffen, den MSCI-World-Index negativ beeinflusst und mehrere Marktindizes, darunter den S&P 500, in den Korrekturbereich gestürzt. Langfristige Staatsanleihen erreichten rekordtiefe Renditeniveaus und der Goldpreis stieg stark an, da sich die Anleger auf sichere Anlagen konzentrierten. Es ist zwar schwer zu sagen, ob sich diese Trends fortsetzen werden, aber wir gehen davon aus, dass die Märkte in den nächsten Wochen unruhig bleiben werden.

Steigende Abwärtsrisiken verunsichern die Märkte

Nur wenige Dinge können die Marktstimmung stärker negativ beeinflussen als eine rasch steigende Unsicherheit. Während China die Eindämmung der Krankheit in den Griff zu bekommen scheint und sich die Zunahme der Neuinfektionen verlangsamt, sorgt die Übertragung der Coronavirus-Krankheit (COVID-19) weltweit für zusätzliche Unsicherheit. Immer mehr Behörden haben Eindämmungsmaßnahmen eingeführt oder ziehen diese in Betracht, was auch die wirtschaftliche Aktivität einschränken kann. Auch die Stimmung und das Verhalten der Verbraucher dürften dadurch beeinträchtigt werden. Das bedeutet, dass Investoren Szenarien in Betracht ziehen müssen, in denen sich die Geschäftstätigkeit an mehreren Orten verlangsamt und Unternehmen größere Einnahmeverluste erleiden als ursprünglich angenommen.

Beunruhigender sind jedoch Fälle von Menschen, die weder nach China gereist sind noch mit jemandem in Kontakt waren, der dort war und sich dennoch mit dem Virus infiziert haben. Da das Gesundheitspersonal nicht vollständig versteht, wie das Virus übertragen wird, kann es überall auf der Welt zu überraschenden Ausbrüchen kommen. Unklar ist auch, wie lebensfähig das Virus bei wärmerem Wetter sein wird. Es ist mehr Unsicherheit auf den Markt gekommen und die Bandbreite der möglichen negativen Auswirkungen hat sich erweitert.

Marktteilnehmer arbeiten mit Wahrscheinlichkeiten

Es ist schwierig, starke Meinungen zu entwickeln, wenn so wenig über das Virus bekannt ist. Wir waren der Ansicht, dass sich das globale Wachstum im Jahr 2020 nur leicht gegenüber 2019 beschleunigen würde. Der Ausbruch des Virus bedeutet, dass die Wirtschaftsdaten im besten Fall über das erste Quartal hinweg verzerrt bleiben und im schlimmsten Fall die Abwärtsrisiken stark zunehmen werden. Am meisten beunruhigt uns, dass wir weder den Zeitrahmen noch die vollen Auswirkungen vorhersagen können.

Analysen früherer Virenausbrüche liefern einige Hinweise auf mögliche Ergebnisse, aber wir empfehlen größte Vorsicht bei solchen Überlegungen. Chinas Wirtschaft hat sich seit 2003 erheblich verändert, sowohl in Bezug auf ihre Größe, den Mix aus Dienstleistungen/ Produktion und ihre Rolle in der Weltwirtschaft. China macht heute 17 Prozent des globalen BIP aus, zum Zeitpunkt des SARS-Ausbruchs waren es nur 4 Prozent. Innerhalb Chinas ist der Anteil der Dienstleistungen am BIP nach Angaben der Weltbank heute um zehn Prozentpunkte höher als 2003. Vom wirtschaftlichen Standpunkt aus gesehen ist die Vergangenheit vielleicht kein hilfreicher Ratgeber.

Daher erwarten wir, dass der Markt vermehrt auf Nachrichten reagiert und sich auf Expertenmeinungen und Fakten konzentriert, wenn sich die Situation weiterentwickelt. Dies gilt sowohl für gute als auch für schlechte Nachrichten. Wenn zum Beispiel der Ausbruch in Europa aufgrund des fortgeschrittenen Gesundheitssystems kleiner bleibt als derzeit befürchtet, sinken die Wahrscheinlichkeiten für sehr negative Szenarien. In diesem Fall hätten Investoren wahrscheinlich einen besseren Appetit auf Risikoanlagen. Erinnern Sie sich daran, dass der S&P 500 vor knapp zwei Wochen auf einem Rekordhoch stand, bis ihn die schlechte Stimmung zu Fall brachte. Die Stimmung könnte genauso schnell wieder ins Positive drehen, wie sie gefallen ist.

Beobachten Sie das Verbraucherverhalten und die Fed

Der US-Konsum hatte vor den Ausbrüchen in China und Europa eine sehr positive Dynamik. Der Beschäftigungsbericht vom Januar in Verbindung mit einem soliden Verbrauchervertrauen sollten Ausgaben und Wirtschaftswachstum unterstützen, sobald der Ausbruch in den Vereinigten Staaten gedämpft wird. Ein Rückgang der Verbraucherausgaben, der durch die Angst vor Reisen oder dem Versammeln an öffentlichen Orten ausgelöst wird, könnte jedoch zu einem vorübergehenden Rückgang des BIP führen. Von größerer Sorge wäre alles, was dem Gesamtbild der Beschäftigung schadet. In den kommenden Monaten werden wir mehrere Frühwarnindikatoren sehr genau beobachten, darunter:
  • Die Anzahl der Personen, die aus wirtschaftlichen Gründen eine Teilzeitbeschäftigung angeben
  • Der Index der durchschnittlichen Arbeitswoche und der Gesamtstundenzahl
  • Entlassungen, Arbeitslosenansprüche und Dauer der Arbeitslosigkeit
Die Chancen für eine Lockerung der Fed in diesem Jahr sind stark gestiegen - die Fed-Funds Futures preisen bereits eine Zinssenkung bis zum April ein. Die bislang im ersten Quartal eingegangen Daten waren jedoch im Großen und Ganzen besser als erwartet. Auf der Grundlage der gemeldeten Daten gäbe es für die Fed keinen Grund zum Handeln. Das Problem ist, dass keine dieser Veröffentlichungen die schnell wachsenden Risiken des COVID-19-Ausbruchs erfasst hat.

Für umsichtige Anleger - taktische Absicherungen und Liquidität

Das hohe Maß an Unsicherheit führt zu einigen Umstellungen in unseren Portfolien. Innerhalb unserer langfristigen Portfolios haben wir selektiv die Positionierung in zyklischen Konsumgüterherstellern sowie im Energiesektor reduziert und teilweise die Positionen in nicht-zyklischen Konsumgütern und Versorgungsunternehmen erhöht. Stimmungsbedingte Ausverkäufe führen tendenziell zu wahllosen Verkäufen, was im Allgemeinen Kaufgelegenheiten schafft. Aus diesem Grund haben wir unsere Kassebestände leicht erhöht.

Auch an den Rentenmärkten verfolgen wir einen konservativen Ansatz. Sowohl die Investment Grade- als auch die High Yield Renditen haben sich gegenüber den jüngsten Niveaus ausgeweitet. Dies hat zwar zu etwas attraktiveren Bewertungen geführt, trotzdem ändern wir unsere Positionierung derzeit nicht. An den Devisenmärkten haben wir im Gegensatz zu anderen Bereichen keine nennenswerten Bewegungen erkennen können. Wir vermuten, dass die Schocks angesichts ihres globalen Charakters die Divergenzen zwischen den einzelnen Ländern nicht verstärkt haben. Bis heute haben wir unsere Währungspositionierung nicht angepasst.

Innerhalb unserer Portfolios, die sich auf mehrere Anlageklassen und Regime stützen, haben wir Positionen in risikoreicheren Anlagen wie Aktien abgebaut und in traditionell sichere Häfen wie Gold und langlaufende Treasuries umgeschichtet.

Schlussfolgerung

Wir beobachten diese sehr unbeständige Situation weiterhin. Kurzfristig dürfte das Risiko in allen Anlageklassen weiterhin erhöht sein. Aber je länger der Ausbruch andauert, desto höher sind die wirtschaftlichen Kosten. Der Silberstreif am Horizont ist, dass die Wirtschaftstätigkeit rasch wieder aufgenommen werden könnte, sobald das Virus abklingt. In der Zwischenzeit könnte eine unterstützende Reaktion der Zentralbanken die Auswirkungen zumindest teilweise auffangen.
Stefan Kuhn ist Managing Director und Head of SPDR Deutschland