Über die Wirkung von Aktienstrategien

Pierre Debru, WisdomTree
Heute zeigen wir auf, welche Assets am besten geeignet sind, um die Anlegerportfolios gegen etwaige bevorstehende Kursrückschläge bei Aktien zu schützen. Wir stellen zudem die potenziellen Opportunitätskosten für jeden Vermögenswert auf, falls der Drawdown nicht eintritt. Im Folgenden zeigen wir, dass traditionell defensive Aktienstrategien wie Minimum Volatility (Min Vol) oder Utilities in der Regel eine starke defensive Wirkung, aber auch begrenzte Aufwärtspotenziale aufweisen, während Faktoren wie Qualität, hohe Dividende oder Multi-Faktor ein ausgewogeneres Risiko-Rendite-Profil bieten, das mehr Flexibilität ermöglicht.
 
Aus Sicht von Euro-Anlegern gibt es unendlich viele Aktienkörbe, in die investiert werden könnte. Wir konzentrieren uns jedoch auf einige der gängigen klassischen Körbe aus Regionen (Europa, USA und Schwellenländer), Branchen und Faktoren. Bei den Sektoren konzentrieren wir uns auf 11 GICS-Sektoren (Global Industry Classification Standard) von Aktien aus Industrieländern. Darüber hinaus fokussieren wir 7 typisch klassische Faktoren, d.h. Minimum Volatility, Quality, Value, High Dividend, Size, Growth und Momentum sowie einen Multifaktor-Ansatz für Aktien aus Industrieländern (Weitere Informationen zu den verwendeten Indizes untenstehend).

Das Ausbalancieren von defensiver Wirkung und Aufrechterhalten des Aufwärtspotenzials ist der Versuch der Quadratur des Kreises

Unser Modell konzentriert sich auf vier Aspekte: Risikominderung, Asymmetrie der Renditen oder Vielseitigkeit/Diversifikation und Bewertung.
Nachfolgende Abbildung konzentriert sich auf die Risikominderung und zeigt die Outperformance der verschiedenen Aktienmärkte in Drawdown-Perioden im Vergleich zum MSCI World. Hier sind definitiv drei verschiedene Aktienkörbe zu unterscheiden:
  • Körbe mit höherem Risiko wie Finanzen, IT oder Europa, die in den meisten Zeiträumen eine Underperformance aufweisen und dem Markt auch eine allgemeine Underperformance liefern.
  • Körbe, die einen „Mittelweg“ wählen und somit keine starke Neigung nach oben oder unten gegenüber der Benchmark haben. Aktien aus Schwellenländern (EM) weisen insgesamt eine leicht verbesserte Wertentwicklung und geringere Drawdowns in vier Perioden auf, was den starken Vorteil der geografischen Diversifikation unterstreicht. US-Aktien profitieren von der Stärkung des US-Dollars in Krisenzeiten.
  • Defensive Körbe, die in allen Perioden eine Outperformance zeigen und insgesamt stark überdurchschnittlich abschneiden. Sie beinhalten zum einen Sektoren, wie Health Care, Basiskonsumgüter und Versorger und zum anderen Strategien wie Minimum Volatility und Quality.
In Abbildung 2 vergleichen wir, wie viel von der negativen Wertentwicklung der Aktien aus Industrieländern (bzw. der positiven Wertentwicklung) von den verschiedenen Aktienkörben (als positive bzw. negative Marktposition bezeichnet) erfasst wird. Von den 5 defensiven Körben, die wir in Abbildung 1 herausgegriffen haben, landen in Abbildung 2 vier in der Position unten links. Das bestätigt ihre Fähigkeit, den Aktienkursrückgänge historisch abzufedern, zeigt aber auch deutlich, wie viel von der Aufwärtsbewegung geopfert wird. Die Minimum Volatility Strategie zeigt beispielsweise ein Upside Capture von nur 70 Prozent.
 
In der Mitte des Diagramms scheinen 5 Körbe, nämlich Quality, High Dividend, Momentum, Multi-Factor und Energy, einen ausgewogeneren Kompromiss mit einer Upside Capture von über 90 Prozent und einer Downside Capture von unter 95 Prozent zu bieten. Solche Körbe würden einem Portfolio mehr Vielseitigkeit bieten. Insbesondere Multi-Factor weist mit einer starken Asymmetrie zwischen Upside Capture Ratio und Downside Capture Ratio ein sehr interessantes Profil auf.
Insgesamt ist Quality der einzige hier als defensiv hervorgehobene Ansatz, der einen ausgewogenen Kompromiss aufweist.

Geografische Diversifizierung zeigt starke Wirkung

Unser drittes Kriterium, die Diversifikation, spielt in der Regel in allen Anlageklassen, beispielsweise in Aktien und festverzinsliche Wertpapiere, eine größere Rolle als innerhalb einer bestimmten Anlageklasse. In Abbildung 1 zeigen Schwellenländer jedoch in allen vier der sechs betrachteten Zeiträume eine leichte Outperformance. Dies zeigt, was eine Diversifizierung weg vom eigenen Anlegermarkt hin zu anderen Regionen bewirken kann.

Vielseitigkeit und Verhalten bei Zinsschocks

Abgesehen davon sind das Verhalten und die Korrelation zu Zinsbewegungen interessante Aspekte bei Aktieninvestments. Die Wahrscheinlichkeit eines Zinsanstiegs im Laufe des Jahres 2020 ist alles andere als null, denn die Renditen in Europa sind bereits tief negativ und auf historischen Tiefstständen angelangt. Dies sollte in Bezug auf das Verhalten des Aktienkorbs berücksichtigt werden.
 
Abbildung 3 zeigt deutlich, dass die Aktienkörbe mit Minimum Volatility oder Utilities den Drawdown am ehesten reduzieren, jedoch in Perioden steigender Gewinne eine Underperformance aufweisen. Ausgewogenere Körbe wie Quality, Energy oder High  Dividend, scheinen jedoch weniger anfällig für diese Verschärfung zu sein, was sie zu einem starken Kandidaten für die Auswahl eines defensiven Portfolios macht. Multi-Factor scheint aus diesem Blickwinkel heraus unter diesen defensiven Körben am effizientesten zu wirken und zeigt in diesen Zeiträumen eine starke Performance.
Insgesamt scheint es unter Aktienkörben, bei denen der Drawdown historisch sank, zwei relativ getrennte Familien zu geben. Die erste, mit traditionell defensiven Assets wie Min Vol oder Utilities, weist eine sehr starke Defensivität, aber auch eingeschränktes Upside Capture und in der Tat anleihenähnliche Merkmale hoher Zinsempfindlichkeit auf. Die zweite Familie aus Quality, High Dividend, Multi-Faktor oder Energy bietet zwar defensive Charakteristika, ist jedoch ausgewogener, was eine größere Vielseitigkeit ermöglicht.

Warum sich bewertungsgesteuerte Strategien auszahlen

Ein letzter zu berücksichtigender Aspekt ist die Bewertung der Assets. Nicht selten werden einige Sektoren oder Stile nach einer Phase der Marktübertreibung sehr teuer. Praktiker werden sich an den Lauf bei Minimum Volatility-Aktien im Jahr 2016 erinnern, in jüngerer Zeit bei FANGs (Facebook, Amazon, Netflix, Alphabet).
 
Wir sind von Bewertungsdisziplin fest überzeugt. Deshalb beinhaltet unsere Strategie einen Mechanismus zur Steuerung der Bewertung in unseren Portfolios durch Aktienscreening und Neugewichtung. Regelmäßiges Rebalancing hilft zudem dabei, Verschiebungen in der Gewichtung zu vermeiden. Insbesondere konzentrieren sich unsere Flaggschiff-ETFs (Equity Exchange Traded Funds) auf das Exposur in High Dividend und Quality durch klar definierte systematische Strategien. Diese investieren in die relevantesten Aktien und gewichten diese gleichzeitig durch Bardividenden, um ein angemessenes Bewertungsniveau aufrechtzuerhalten. Multifaktorstrategien profitieren von der Tatsache, dass Value einer der Faktoren bei der Aktienauswahl ist, weshalb auch die Bewertungen ziemlich genau kontrolliert werden.
Pierre Debru ist Director Research bei WisdomTree. Dieser Artikel ist der zweite Teil der Reihe „Wie Anleger ihr Portfolio in unsicheren Zeiten aufstellen können“. Den ersten Teil finden Sie hier.