Ein Robuster Ausblick auf die deutsche Konjunktur

Dr. Klaus Bauknecht, IKB Bank
Dr. Klaus Bauknecht / Bild IKB Bank
Nach ersten Berechnungen des Statistischen Bundesamtes erhöhte sich das reale BIP im Jahr 2016 kalenderbereinigt um 1,8 Prozent (kalenderunbereinigt um 1,9 Prozent). Damit dürfte sich das Wachstum im vierten Quartal 2016 wieder beschleunigt haben, Daten hierzu werden erst später veröffentlicht. Der BIP-Jahresanstieg der gesamtwirtschaftlichen Leistung fiel etwas kräftiger aus als im Vorjahr (+1,5 Prozent bereinigt). Getragen wurde der Zuwachs vor allem von der starken Binnennachfrage. Der private Konsum stieg real um 2,0 Prozent und profitierte von der anhaltend günstigen Arbeitsmarktlage und den mit der geringen Teuerung verbundenen hohen realen Zuwächse des verfügbaren Einkommens. Der Staatsverbrauch wurde insbesondere zu Jahresbeginn 2016 im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise stark ausgeweitet und erhöhte sich kräftig um 4,2 Prozent.
 
Einen stärkeren Zuwachs hatte es zuletzt 2002 in Folge der deutschen Wiedervereinigung gegeben. Die Bauinvestitionen wurden zusätzlich durch die günstigen Finanzierungsbedingungen gestützt. Sie nahmen um 3,1 Prozent zu. Die Investitionen in Ausrüstungen enttäuschten dagegen mit einem Plus von 1,7 Prozent . Auch der Anstieg der Exporte (+2,5 Prozent) fiel durch den schwächeren Welthandel im Vergleich zu den Vorjahren gedämpft aus. Dabei war vor allem die Exporttätigkeit deutscher Unternehmen in Staaten außerhalb der Euro-Zone verhalten. Gebremst wurde das BIP-Wachstum durch einen Vorratsabbau (-0,4 Prozent -Punkte Wachstumsbeitrag).

Konsum trägt entscheidend zum Wachstum bei

Als Wachstumstreiber erwies sich insbesondere der Konsum, der 2016 mit 1,9 Prozentpunkten den höchsten Beitrag lieferte. Dabei steuerten der private Verbrauch 1,1 Prozentpunkte und der staatliche Verbrauch 0,8 Prozentpunkte zur Dynamik bei. In den Jahren nach der Wiedervereinigung lieferten beide Komponenten im Durchschnitt Wachstumsbeiträge in Höhe von nur 0,7 bzw. 0,3 Prozentpunkten . 2016 ist das erste Jahr nach der Wiedervereinigung, in dem der inländische Konsum stärker zur Dynamik beitrug als die Exporte, die 1,2 Prozentpunkte an Zuwachs brachten. Ausnahmen sind die Jahre 1991 und 1992 direkt nach der Wiedervereinigung sowie 2009 während der Weltwirtschafts- und Finanzkrise, als die Exporte schrumpften bzw. deutlich einbrachen und damit negative Wachstumsbeiträge lieferten.

Flüchtlinge sorgten für staatlichen Konsum

Das aktuell günstige Konsumumfeld mit niedriger Inflationsrate, robustem Arbeitsmarkt und fehlender Anlagemöglichkeit infolge der geringen Zinsen stützt den privaten Konsum. Diese Entwicklung dürfte – zwar abgeschwächt – in der Tendenz im laufenden Jahr anhalten, sodass der private Verbrauch eine wichtige Wachstumsstütze bleibt. Der staatliche Konsum expandierte infolge der Flüchtlingsmigration ebenfalls kräftig. Dabei zogen die öffentlichen Ausgaben insbesondere Ende 2015 und Anfang 2016 an. Infolge geringerer Flüchtlingszuwanderung verlangsamte sich auch die Ausgabendynamik der öffentlichen Hand, sodass der Staatskonsum im laufenden Jahr weniger zum BIP-Wachstum beitragen dürfte. Damit sollte der gesamte inländische Verbrauch 2017 nicht mehr so stark zulegen und geringere Wachstumsbeiträge liefern.

Importe dürften wieder mehr expandieren als Exporte

Bei lebhafterer Weltkonjunktur werden die deutschen Exporte nach und nach anziehen. Etwas kräftiger dürften die Importe im Zuge der recht hohen binnenwirtschaftlichen Dynamik expandieren, sodass der Außenbeitrag insgesamt erneut keinen Wachstumsimpuls liefert. Die Bauinvestitionen dürften weiter zulegen. Bei den Ausrüstungsinvestitionen sieht die IKB weiterhin nur eine verhaltene Entwicklung. Anhaltende Unsicherheiten könnten zu einer Fortsetzung der Investitionszurückhaltung führen.

Unsicherheiten dämpfen Wachstumserwartungen

Die IKB geht für 2017 von einem leicht schwächeren BIP-Wachstum gegenüber 2016 aus. Zwar bleibt der gesamte Konsum eine wichtige Stütze, aber er wird weniger stark zulegen als im Vorjahr. Zudem bleiben Unsicherheiten, die die Investitionen in Ausrüstungen weiterhin dämpfen dürften. Grundsätzlich bestehen für die Prognose unverändert Abwärtsrisiken, die sich unter anderem aus der Unsicherheit um die Ausgestaltung des Brexit ergeben könnten. Für die Gesamtwirtschaft erwartet die IKB daher einen kalenderbereinigten BIP-Zuwachs von 1,6 Prozent. Aufgrund der geringeren Anzahl von Arbeitstagen im Vergleich zu 2016 dürfte die unbereinigte Wachstumsrate 2017 um ca. 0,2 Prozentpunkte niedriger ausfallen.

Geschäftsklima ist eingetrübt

Die IKB-Einschätzung wird durch das aktuelle ifo Geschäftsklima für Januar bestätigt, das sich im Gegensatz zur Konsenserwartung überraschend klar eingetrübt hat. Der Index sank von 111,0 auf 109,8 Punkte. Dabei sind die Unternehmen zwar erneut zufriedener mit ihrer aktuellen Geschäftslage, der Wert stieg leicht um 0,2 Zähler, jedoch blicken sie weniger optimistisch auf die kommenden sechs Monate. Die Erwartungskomponente fiel deutlich um 2,3 auf 103,2 Punkte. Dieses Muster – leicht verbesserte Lageeinschätzung und eingetrübte Geschäftsperspektiven – zieht sich durch alle Sektoren und wichtige Industriebranchen. Trotz der Verschlechterung des ifo-Konjunkturklimas bleibt es weiterhin auf einem hohen Niveau.

Höheres Prognose-Risiko

Der ifo-Index ist ein relativ guter Frühindikator für das BIP-Wachstum des Folge-Quartals. Der Anstieg des Index im vierten Quartal 2016 stützt somit die BIP-Wachstumseinschätzung für das erste Quartal 2017. Da der aktuelle ifo-Wert den ersten Wert dieses Anfangsquartals darstellt, sollte das Risiko eines Rückgangs des BIP-Wachstums im zweiten Vierteljahr nicht überbetont werden.
 
Aktuell erwartet die IKB auf der Grundlage keiner bedeutenden Korrekturen des ifo-Index eine stabile Wachstumsdynamik in den kommenden Quartalen. Infolge der anhaltenden Unsicherheit über die Ausgestaltung der Wirtschaftspolitik der USA und Großbritanniens ist es jedoch nicht ausgeschlossen, dass der ifo-Index auch in den kommenden Monaten unter Druck geraten könnte. Das Prognoserisiko für das BIP-Wachstum im zweiten und den weiteren Quartalen hat sich unweigerlich erhöht. Abb. 3 zeigt unter Berücksichtigung dieser Risiken die auf dem ifo-Index erwartete Wachstumsspanne der IKB für das deutsche BIP.

Fazit: 2017 leicht schwächeres Wachstum

Die IKB geht für 2017 von einem gesamtwirtschaftlichen Wachstum in Deutschland von 1,6 Prozent (real und kalenderbereinigt) aus, das damit leicht schwächer ausfällt als im Jahr 2016. Die tragende Wachstumsstütze dieser Dynamik bleibt weiterhin der Konsum, wobei der private und staatliche Verbrauch nicht mehr so stark zulegen dürften wie im Vorjahr. Zum einen erhöht sich die Inflation, wodurch das Konsumumfeld nicht mehr so extrem günstig ist, auch wenn der Arbeitsmarkt robust bleibt; zum anderen sollten die Ausgaben für Flüchtlinge ihren „Peak“ erreicht haben, sodass deutliche Zuwächse nicht mehr zu erwarten sind. Auch wenn sich die Exporte beleben, dürfte der Außenbeitrag aufgrund der kräftigen Importnachfrage kaum Impulse setzen. Bei den Unternehmensinvestitionen erwartet die IKB aufgrund anhaltender Unsicherheit eine verhaltene Entwicklung. Diese Erwartung hat sich mit der Eintrübung des aktuellen ifo Geschäftsklimas bestätigt, was für Überraschung gesorgt hat. Zunehmende Unsicherheit über die Ausgestaltung der US-amerikanischen und britischen Wirtschaftspolitik könnte den ifoIndex auch in den kommenden Monaten durchaus belasten und damit das Prognoserisiko für das deutsche BIP-Wachstum erhöhen.
Dr. Klaus Bauknecht ist als Chefvolkswirt der IKB Deutsche Industriebank AG verantwortlich für die volkswirtschaftlichen Analysen, Prognosen und Einschätzungen der Bank. Zudem lehrt der promovierte Volkswirtschaftler an der Nelson Mandela University in Südafrika. Zuvor arbeitete er in verschiedenen leitenden Positionen anderer Banken und im südafrikanischen Finanzministerium. Er schreibt zu aktuellen und übergeordneten Konjunktur-, Volkswirtschafts- und Marktthemen.