Unspektakuläre Perspektiven

Dr. Ulrich Kater, Deka
Dr. Ulrich Kater / Bild: Deka
Unspektakulär? In diesen Zeiten mit all den überraschenden und irritierenden Nachrichten, die tagtäglich auf die Anleger und die Finanzmärkte einprasseln? Handelskonflikt, Kriegsgefahren zwischen den USA und dem Iran, Brexit, Entlassungen in der deutschen Industrie, ... Am Ende dieser Aufzählung steht doch vielmehr fast zwangsläufig, so könnte man meinen, der große Crash als sehr spektakuläre Perspektive. Insofern mag die von uns gewählte Überschrift zunächst wenig passend erscheinen. Doch wir haben viele gute Gründe für unsere Sicht der Dinge.

Keine Signale für baldigen Abschwung

Zunächst einmal gilt es, sich vor Augen zu führen, dass für die Weltwirtschaft unspektakulärerweise ein Wachstum von rund 3 Prozent und für die Wertpapiermärkte maßvolle Erträge zu erwarten sind. Geopolitische Risiken gibt es zwar in Hülle und Fülle, doch die Konsumenten und die Unternehmen finden sich langsam damit ab, dass sich das so schnell nicht ändern wird. Dabei ist es mit Sicherheit hilfreich, dass der globale Konjunkturaufschwung schon recht lange währt und es keine Signale eines baldigen Abschwungs gibt. In Deutschland hat der schon elf Jahren währende historisch lange Wirtschaftsaufschwung zum höchsten Beschäftigungsstand und zur geringsten Arbeitslosigkeit der gesamtdeutschen Geschichte geführt. Damit stabilisiert der steigende private Konsum die hiesige Wirtschaft und federt zugleich die Schwäche der Industrie ab.

Geld- und Finanzpolitik wirken wachtumsstützend

Sowohl die Geldpolitik als auch die Finanzpolitik wirken derzeit wachstumsunterstützend. Daran dürfte sich in absehbarer Zeit kaum etwas ändern. In diesem Umfeld arbeiten sich die Märkte immer nur für kurze Zeit an den geopolitischen Hiobsbotschaften ab. Es ist richtig, dass die Häufigkeit von regionalen Konflikten in dem Maße ansteigt, in dem sich die USA aus dem Weltgeschehen zurückziehen.
 
Eine Beeinträchtigung der globalen Wirtschaft kann jedoch in den allermeisten Fällen vermieden werden. Kurzum: Wir erwarten in den kommenden Quartalen unspektakuläre Zuwachsraten des Bruttoinlandsprodukts, die jeweils in etwa den durchschnittlichen Wachstumsmöglichkeiten (dem sogenannten Potenzialwachstum) der einzelnen Regionen entsprechen.

Keine Phantasie für positive Überraschungen

Zu diesem Bild gehört indes leider auch, dass es an Phantasie für positive Überraschungen mangelt. Wenn es nicht abwärtsgeht, kann auch nicht von einer darauffolgenden schwungvollen Erholung ausgegangen werden. Demnach müssen wir uns zufriedengeben, wenn sich die Stimmungsindikatoren erkennbar stabilisieren, was vor allem den versöhnlicheren Tönen zwischen den USA und China mit Blick auf die anstehende Unterzeichnung eines ersten Handelsabkommens geschuldet ist, und wenn sich damit die immer wieder aufkeimenden Rezessionsängste verflüchtigen. Bei aller erwartbaren kurzfristigen Volatilität an den Aktienmärkten sollte in den kommenden Monaten das unspektakulär moderate Konjunkturszenario für ein im Grundsatz freundliches Marktumfeld ausreichen.

Die wichtigsten Prognoserevisionen und Änderungen

  • Euroland: Inflation 2020: 1,4 Prozent (bisher:1,3 Prozent).
  • USA: Bruttoinlandsprodukt 2019 bzw. 2020: 2,3 Prozent bzw. 2,0 Prozent (bisher: 2,2 Prozent bzw. 1,8 Prozent; Inflation 2020 bzw. 2021: 2,4 Prozent bzw. 2,2 Prozent (bisher: 2,5 Prozent bzw. 2,3 %)
  • Aktien: Leichte Aufwärtsrevision der 3-, 6- und 12-Monatsprognosen für den DAX.
  • Gold: Aufwärtsrevision der 3-Monatsprognose.

Die Konjunkturentwicklung in den Industrieländern

Deutschland
Der November hielt wirklich alles bereit: positive und negative Überraschungen sowie kräftige Revisionen. Positiv fielen hierbei die Einzelhandels- und die Produktionsdaten auf. Schwach präsentierten sich dagegen der Außenhandel und die Industrieaufträge. Letztere litten vor allem unter ungewöhnlich wenigen Großaufträgen. Das Bruttoinlandsprodukt könnte mit Blick auf die bisher vorliegenden Daten im vierten Quartal 2019 um rund 0,1 Prozent im Vorquartalsvergleich angestiegen sein. Damit hat sich das Bild im Vergleich zu vor einem Monat deutlich verbessert. Nach vorne blickend deutet sich bei den Stimmungsindikatoren eine Trendwende zum Positiven an. Die Entspannung im Handelsstreit zwischen den USA und China sowie das Austrittsabkommen des Vereinigten Königreichs mit der EU sind hier die maßgeblichen Triebkräfte.
Prognoserevision: –
Euroland
Die Verlangsamung der Wirtschaftsdynamik ist in Euroland im vergangenen Jahr stärker als erwartet ausgefallen. Nach einem Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts in Höhe von 1,9 Prozent im Jahr 2018 dürfte die Wirtschaftsleistung in Euroland im abgelaufenen Jahr nur um etwas mehr als 1 Prozent zugelegt haben. Dies legen die bislang veröffentlichten Daten für 2019 nahe. Dahinter steht eine heterogene Entwicklung in den vier großen Ländern der Europäischen Währungsunion. Mit einem im Vergleich zu Euroland überdurchschnittlichen Wirtschaftszuwachs ist für 2019 in Spanien (+2,0 Prozent) und Frankreich (+1,3 Prozent) zu rechnen. Hingegen wurde die europäische Wirtschaftsentwicklung durch Deutschland (+0,5 Prozent) und Italien (+0,1 Prozent) spürbar verlangsamt.
Prognoserevision: Inflation 2020: 1,4 Prozent (bisher:1,3 Prozent).
USA
Wir haben unsere Prognose für das Bruttoinlandsprodukt im vierten Quartal 2019 nach oben revidiert. Hintergrund hierfür ist eine überraschend schwache Importentwicklung. Importe fließen mit negativen Vorzeichen in die Berechnung des Bruttoinlandsprodukts ein, und eine schwächere Nachfrage nach ausländischen Waren ist kein Anzeichen von konjunktureller Stärke. Insofern hat sich unsere Einschätzung eines eher schwachen Wachstumsumfelds zum Jahresende 2019 nicht verändert. Eine Prognoseänderung gab es auch bei unserer Inflationsprognose, da mit der ersten Verhandlungsphase im Handelskonflikt zwischen den USA und China Zölle gesenkt bzw. nicht angehoben werden. Diesbezügliche Erwartungen für die Preiseffekte haben wir herausgenommen.
Prognoserevision: Bruttoinlandsprodukt 2019 bzw. 2020: 2,3 Prozent bzw. 2,0 Prozent (bisher: 2,2 Prozent bzw. 1,8 Prozent); Inflation 2020 bzw. 2021: 2,4 Prozent bzw. 2,2 Prozent (bisher: 2,5 Prozent bzw. 2,3 Prozent).

Aktienmarkt Deutschland

Deutsche Aktien erholten sich schnell von ihrer kurzzeitigen Schwäche Anfang Dezember und legten weiter zu. Ein wichtiger Grund hierfür war die Einigung auf den Phase-1-Deal zwischen den USA und China und die daraus resultierende Hoffnung auf eine Beilegung der Handelsstreitigkeiten. Die weiterhin sehr lockere Geldpolitik von EZB und Fed, der Mangel an Anlagealternativen sowie die Hoffnung auf eine Belebung der Weltwirtschaft waren weitere unterstützende Faktoren. Trotz der starken Kursentwicklung des Vorjahres bleiben viele Anleger weiter zurückhaltend. Zusammen mit unauffälligen Bewertungsniveaus ist das eine gute Basis für die kommenden Monate. Frühindikatoren signalisieren, dass sich das globale Wachstumstempo auf dem jetzt erreichten niedrigen Niveau stabilisieren kann. Damit ist das Fundament für moderat ansteigende Unternehmensgewinne und auch Aktienkurse gelegt. Geopolitische Konflikte dürften allerdings weiterhin für vermehrte Kursschwankungen sorgen.
Prognoserevision: Leichte Aufwärtsrevision der 3-, 6- und 12-Monatsprognosen.
Dr. Ulrich Kater studierte Volkswirtschaftslehre an den Universitäten Göttingen und Köln. Promotion 1995 am Finanzwissenschaftlichen Lehrstuhl der Universität zu Köln, daneben Lehr- und Forschungstätigkeit an der Universität Köln, der Fachhochschule Köln und der European Business School. Von 1995 bis 1999 war Kater im Stab der »fünf Wirtschaftsweisen« für die Themen Geldpolitik und Kapitalmarkt verantwortlich.  Seit 1999 Mitarbeit am Aufbau der Volkswirtschaftlichen Abteilung der DekaBank, seit 2004 Chefvolkswirt der DekaBank, Vorsitzender der Kommission Wirtschaft und Finanzen im Verband Öffentlicher Banken seit 2006. Weitere Lehraufträge an der Universität Witten-Herdecke und der Zeppelin University Friedrichshafen. Er ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zu den Themen Geldpolitik, Währungspolitik, internationale Kapitalmärkte, Finanzpolitik, Alterssicherungssysteme und internationaler Dienstleistungshandel, etwa: »100 Konjunkturindikatoren«, Cometis-Verlag, 2008, »Handbuch Europäische Zentralbank«, Uhlenbruch-Verlag 2005.

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