Anfällig für Rücksetzer

Dr. Bernd Meyer, Berenberg
Dr. Bernd Meyer / Bild: Berenberg
Nahost-Konflikt? Den hat der Aktienmarkt dank des Ausbleibens einer Eskalation im Rekordtempo verdaut. Insbesondere Schwellenländer-Aktien legten weiter zu, während die US-Börsen Allzeithochs feierten. Seit Jahresanfang sind nun alle Risikoanlageklassen im Plus – mit der Ausnahme von Öl. Die lockere Zentralbank-Politik weltweit sowie das Phase-1-Abkommen unterstützen. Nun konzentriert sich der Markt auf die gerade losgelaufene Q4-Berichtssaison der Unternehmen. Die spannende Frage bleibt, ob der Aktienmarkt die optimistischen Erwartungen erfüllen kann, die bereits eingepreist sind. Bisher halten negativen Gewinnrevisionen für die Industrienationen an, während die Konjunkturdaten auch nur gemischt ausfallen. Die Pro-Risiko-Positionierung der Marktteilnehmer sowie die Bewertungsniveaus haben deutlich zugenommen. Das macht den Markt für einen Rücksetzer anfälliger. Wir fühlen uns mit einer neutralen Aktienquote und leicht erhöhten Kassenposition wohl. So sind wir handlungsfähig.

Der Brexit steht unmittelbar bevor

Am 31. Januar dürfte Großbritannien den Brexit vollziehen und offiziell und (vorerst) geregelt die EU verlassen. Aber auch geldpolitisch bleibt es spannend. Die Bank of England tagt am 30.01. und dürfte Klarheit über die jüngsten Zinssenkungsspekulationen schaffen. Die EZB (23.01.) und die Fed (29.01.) tagen ebenfalls – hier sind keine Überraschungen zu erwarten. Am 26.01. finden in Italien weitere Regionalwahlen statt, die Aufschluss über die politische Stimmung im Land geben dürften. Auf der Unternehmensseite ist der Verlauf der Q4-Berichtssaision von Bedeutung. Beim S&P 500 haben bereits 44 Unternehmen berichtet und davon haben 70,5 Prozent die Gewinnerwartungen übertroffen. Wichtiger ist aber der Ausblick, den die Unternehmen für 2020 geben. Diese Woche dürften weitere 48 Unternehmen ihre Bücher öffnen. Die ZEW- und Ifo-Konjunkturerwartungen (21.01./27.01.), das US-Verbrauchervertrauen (28.01.) und die PMIs in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und den USA (24.01.) stehen ebenfalls an.
 
  • Sowohl  institutionelle  Anleger  als  auch Hedge  Fonds  haben  ihre  Positionen  in US-Aktien   zuletzt   deutlich   ausgebaut. Die Positionierung von Asset  Managern und  Leveraged  Funds  ist  nun  sogar  höher als zur Jahreswende 2017/2018.
  • Das  allein  ist  nicht  schlimm  und  die Positionierung  kann  auch  noch  weiter steigen.  Allerdings  macht  es  den  Markt anfällig,  sollte  es  zu  negativen  Überraschungen  kommen,  zumal  die  Aktienmarktbewertungen  schon  viel  Positives einpreisen.

Aktien: Schwellenländer lagen vorne

Gesamtrendite    (inklusive    reinvestierter    Dividenden)    für ausgewählte  Aktienindizes,  in Euro  und  in Prozent,  sortiert nach 4-Wochen-Performance.Quelle: Bloomberg, Zeitraum: 16.01.2015 -17.01.2020
  • Innerhalb   der   Aktienregionen   haben Schwellenländer   über   die   letzten   vier Wochen  und  seit  Jahresanfang  am  besten  abgeschnitten – allen  voran  Osteuropa  und  Asien.  Der  Handelsdeal  zwischen  den  USA  und  China  sowie  sich verbessernde   Konjunkturdaten   in   den Schwellenländern unterstützten.
  • Innerhalb  der  Industrienationen  entwickelten sich die USA am besten und Japan am schlechtesten.
Dr. Bernd Meyer ist Chefstratege Wealth and Asset Management bei Berenberg.