Die Vielfalt der Künstlichen Intelligenz: Welche Anwendungsmöglichkeiten es gibt und warum sie für Investoren so interessant sind

Adrian Roestel, Huber, Reuss & Kollegen Vermögensverwaltung
Adrian Roestel / Bild: Huber, Reuss & Kollegen Vermögensverwaltung
Künstliche Intelligenz (KI) ist in aller Munde, in immer mehr Branchen wird sie eingesetzt. Dabei ist die Technologie bereits über 70 Jahre alt. Dass sie erst jetzt richtig Fahrt aufnimmt hat mehrere Gründe. Die Rechenleistung von Halbleiterchips wächst rasant, während sie gleichzeitig immer günstiger werden. Zudem erleben wir eine Explosion der Datenmengen (Stichwort Big Data), was wiederum mit großen Fortschritten auf dem Gebiet der Sensorik zusammenhängt. Und dank eines rapiden Ausbaus des mobilen Internets können viele Daten in der Cloud abgelegt und verwaltet werden. Durch die Einführung von 5G kommt noch hinzu, dass künftig alles in Echtzeit passiert.

Doch was ist KI eigentlich?

Bei der Definition unterscheidet man zwischen einer schwachen KI, die auf eng umgrenzte Aufgaben wie Schach oder mathematischen Berechnungen trainiert wurde. Und einer starken KI, die menschliche Intelligenz nachbildet und zum Beispiel selbständig Bilder erkennt oder Sprachen versteht und diese in andere Sprachen übersetzt. Der Schritt zur starken KI gelang durch die Entwicklung des maschinellen Lernens (deep learning), bei der künstliche neuronale Netze auf viele Neuronenschichten erweitert wurden. Das Fraunhofer Institut sieht für Künstliche Intelligenz vier Anwendungsbereiche: Industrie- und Servicerobotik, Autonome Transportmittel, Industrie 4.0 sowie kognitive Assistenten. So unterschiedlich die Anwendungen zum Teil sind, eines haben alle gemeinsam: Sie gelten als aussichtsreiche Märkte mit zum Teil enormen Wachstumsraten. Damit sind sie auch für Investoren hoch interessant.

Industrie- und Servicerobotik

Auf dem Gebiet der Industrierobotik können autonome Roboter ihre Umgebung wahrnehmen und ihr Verhalten interaktiv in Echtzeit anpassen. Indem sie auf die Bewegungen von Menschen reagieren, können Roboter und Menschen Hand in Hand zusammenarbeiten. Schon heute wird dies zum Beispiel in der Autoindustrie praktiziert, wo Bandarbeiter beim Montieren einer Autotür von intelligenten Maschinen unterstützt werden. Experten gehen davon aus, dass vor allem klein- und mittelständischen Unternehmen stark in diese kollaborative Roboter investieren werden.
 
Jenseits der industriellen Produktion wird KI bei Servicerobotern eingesetzt. Sie helfen beim Rasen mähen oder Staub saugen und unterstützen Ältere und Pflegebedürftige, indem sie Gegenstände aufheben, Obst aus der Küche holen oder als Gegner beim Mühlespielen dienen. Auch im gewerblichen Bereich gibt es viele Anwendungsmöglichkeiten: Serviceroboter können im OP-Saal als Assistenz, in der Landwirtschaft beim Melken oder bei der Gebäudereinigung als vollautomatisierte Fensterreiniger dienen.
 
Zwar ist der Markt für Serviceroboter noch deutlich kleiner als der für Industrierobotik, Studien zufolge wird er diesen Rückstand aber bis 2025 aufgeholt haben. Insgesamt rechnet man in der Robotik-Branche mit einem weltweiten Umsatz von 67 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025. Zum Vergleich: 2017 lag er nach Angaben des Weltroboterverbands IFR bei 16,2 Milliarden.

Autonome Transportmittel

Der zweite Anwendungsbereich für KI betrifft das autonome Fahren. Hier liegt die große Herausforderung vor allem darin, dass die KI-Systeme in großer Geschwindigkeit auf sich stets verändernde komplexe Umgebungen reagieren müssen. Ab wann selbständig fahrende Autos auf unseren Straßen unterwegs sein werden, ist umstritten. Klar scheint zu sein: Vor 2025 wird dies nicht der Fall sein. Dem Markt wird ein enormes Entwicklungspotenzial zugerechnet. Die US-Marktforscher Frost & Sullivan erwarten, dass autonomes Fahren mitsamt seinen Dienstleistungen und Services 2025 weltweit einen Marktwert von 83 Milliarden US-Dollar umfassen wird. 58 Millionen Fahrzeuge werden dann, so eine weitere Schätzung, mit intelligenten Algorithmen ausgestattet sein.

Industrie 4.0

Smart Factory, auch Industrie 4.0 genannt, ist das dritte große Thema für KI-Anwendungen. In solchen Fabriken sind alle Maschinen mit einer Vielzahl von Sensoren ausgestattet und miteinander vernetzt. Alle anfallenden Daten, die während einer Fertigung entstehen, werden in Echtzeit gesammelt und analysiert. Dadurch kann eine Smart Factory den Herstellungsprozess optimieren, frühzeitig Ersatzteile bestellen oder zum Beispiel Alarm schlagen, falls sich bei einer Maschine ein Defekt anbahnt. Zudem übernehmen die Maschinen viele monotone Tätigkeiten, die heute noch von Arbeitern erledigt werden. Während der Mensch im Produktionsprozess also teilweise abgelöst wird, entstehen neue Tätigkeitsfelder, insbesondere im Softwarebereich. Schon heute ist der Markt für Industrie 4.0 riesig. Aktuellen Sachätzungen zufolge liegt er dieses Jahr bei 154 Milliarden US-Dollar. Bis 2024 soll er auf 245 Milliarden anwachsen, was einem jährlichen Wachstum von knapp zehn Prozent entspricht. Noch größer ist das Wachstum im Bereich „smarter“ Anwendungen im Privatsektor, wozu intelligente Thermostate oder Sprachassistenten wie Amazons Echo zählen. Die weltweiten Umsätze mit Smart-Home-Geräten sollen sich bis 2021 auf 80 Milliarden US-Dollar verfünffachen.

Kognitive Assistenten

Der vierte Anwendungsbereich sind kognitive Assistenten für den Alltag. Diese Systeme lernen, ihre Umgebungen zu verstehen, Handlungen zu planen und auf Hindernisse zu reagieren, so dass die letztlich mit Menschen kommunizieren können. Die Einsatzgebiete sind enorm. Ein japanisches Unternehmen hat beispielsweise eine intelligente Prothese entwickelt, die die Bewegungsfähigkeit von Menschen mit physischer Behinderung unterstützt. Das cyberphysische System interpretiert Nervensignale von dreidimensionalen Bewegungsabläufen und überträgt diese auf die technischen Extremitäten. Ein Startup aus Israel hat ein Gerät entwickelt, das blinden Menschen ins Ohr flüstert, was sie nicht sehen. Wer ihnen gegenübersteht, welches Produkt sie in der Hand halten, was auf dem Beipackzettel eines Medikaments steht. Ein anderes Anwendungsbeispiel stammt aus dem Einzelhandel. Um dem eCommerce entgegentreten zu können, versuchen viele Geschäfte, den Einkauf immer mehr zu einem Shoppingerlebnis werden zu lassen. So geht ein US-Modehaus in seinem New Yorker Flagship Store mit einem virtuellen Ankleideraum auf Kundenfang. Betritt ein Kunde mit einem Kleidungsstück die Umkleidekabine, kann er auf einem riesigen Touchscreen-Spiegel umfassende Informationen über verfügbare Größen, andere Farben und ähnliche Kleidungsstücke, die zu den ausgewählten Blusen oder Mänteln passen, abrufen.
 
Die Beispiele machen deutlich welches Potential in KI steckt. Bereits heute, so wird geschätzt, setzen mehr als die Hälfte aller Unternehmen KI in irgendeiner Form ein. Völlig neue Produkte und Geschäftsfelder entstehen. Die Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers geht davon aus, dass das globale Bruttoinlandsprodukt allein durch KI bis 2030 um 14 Prozent steigen wird. Dies wäre ein Zuwachs von 15,7 Billionen Dollar. Und die Marktforscher von Gartner schätzen, dass sich der Gesamtwert von Firmen mit KI-basierten Geschäftsmodellen bis 2022 auf 3,9 Billionen Dollar mehr als verdreifacht. Diese Zahlen machen deutlich, dass es für Vermögensverwalter unerlässlich ist, sich mit dem Thema KI auseinanderzusetzen. So vielfältig die Anwendungsgebiete sind, so vielfältig sind auch die Investmentmöglichkeiten. Investoren sollten sich nicht allein auf Software-, Cloud- oder Halbleiterkonzerne konzentrieren. Der Einsatz Künstlicher Intelligenz kann die Margen in vielen Branchen nach oben treiben.
Adrian Roestel ist Leiter des Portfoliomanagements bei Huber, Reuss & Kollegen Vermögensverwaltung.