Die „Gretchenfrage“: Wie lässt sich am sinnvollsten nachhaltig investieren?

Christian Fischl, Huber, Reuss & Kollegen Vermögensverwaltung
Christian Fischl / Bild: HRK-Stiftung der Huber, Reuss & Kollegen Vermögensverwaltung
Die Gretchenfrage bezeichnet eine Frage, die die wahren Absichten des Gefragten aufzeigen soll. Ihr Ursprung liegt in Johann Wolfgang von Goethes Tragödie Faust I. Darin fragt Margarete, genannt Gretchen, die Hauptfigur Heinrich Faust: „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? Du bist ein herzlich guter Mann, allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.“ Im engeren Sinne dreht sich die Gretchenfrage also um Aspekte der Religiosität. Im weiteren Sinn will sie von dem Gefragten wissen, wie er es mit bestimmten Dingen hält. Im Prinzip ist sie eine Gewissensfrage.
 
In Zeiten der Klima-Aktivistin Greta Thunberg wird die Gretchenfrage zunehmend auch Investoren gestellt. Sie müssen Stellung beziehen hinsichtlich ihres Engagements in nachhaltige Investments. Zwar werden die CO2-Emissionen von Ländern, Branchen und Produkten nicht erst seit dem Bekanntwerden der jungen Schwedin diskutiert, aber die Aufmerksamkeit ist ungleich größer geworden. Wer hätte es jemals für möglich gehalten, dass die Klimafrage und eine 16-jährige Schülerin einmal Wahlen entscheiden und den Kapitalmarkt verändern könnten?
 
Seit der Europawahl wissen wir, dass insbesondere den Anhängern der „Fridays for Future“-Bewegung Fragen bezüglich unseres Umgangs mit der Umwelt mindestens so wichtig sind wie Wirtschaftswachstum, Arbeitslosigkeit oder Sicherheit. Politiker und Parteien fast jeder Couleur geben sich plötzlich grün und klimafreundlich. Auch am Kapitalmarkt ist die Botschaft angekommen, Klimaschutz wird zu einem der großen Themen an den Finanzmärkten. Keine Bank, keine Fondsgesellschaft und kein Vermögensverwalter kann sich dem mehr entziehen. So veröffentlichen verschiedene Großbanken inzwischen den „Carbon Footprint“ ihrer Fonds: Sie untersuchen also, wie viel CO2 die Firmen ausstoßen, in die ihre Fonds investieren. So kann der Verbraucher vergleichen, welche Anlagen eher klimafreundlich sind und welche nicht. Unmittelbar auf die Geldanlage wird sich auch ein Beschluss des norwegischen Parlaments auswirken. Demnach soll der norwegische, über 900 Milliarden Euro schwere Staatsfonds Anteile aus mehr als 150 Öl- und Kohleunternehmen abziehen und in erneuerbare Energien investieren.
Das neue Schlagwort lautet dabei ESG: Environment (Umwelt), Social (Soziales) und Governance (Unternehmensführung). ESG-konforme Unternehmen handeln möglichst umwelt- und klimafreundlich, kümmern sich um den Schutz von Menschenrechten und haben in der Unternehmensführung sehr transparente Strukturen.

Doch wie können Privatanleger nachhaltig investieren?

Hier gibt es verschiedene Ansätze. Beim „Best in Class“-Ansatz wird in die ökologischsten und nachhaltigsten Unternehmen einer Branche investiert. Da es jedoch keine Ausschlusskriterien für bestimmte Branchen wie Waffen- oder Zigarettenhersteller gibt, eignet sich dieser Ansatz nur bedingt für ein rein grünes Investment.
 
Im Gegensatz zum „Best in Class“-Konzept wirkt der „Best of Class“-Ansatz konsequenter. Hier wird ausschließlich in die besten Unternehmen aus nachhaltigen Branchen investiert. Doch auch dieser Ansatz ist mit Risiken verbunden. So besteht die Gefahr, dass das Anlageuniversum zu stark eingeengt wird, wenn schwerpunktmäßig in relativ wenige Branchen investiert wird, nur weil diese als nachhaltig eingestuft werden. Im Ergebnis wäre ein solches Portfolio mit geringeren Ertragsperspektiven und zugleich höheren Risiken verbunden. Zudem werden häufig kleinere Unternehmen ins Portfolio aufgenommen als beim „Best-in-Class“-Konzept, das sich schwerpunktmäßig auf Großunternehmen fokussiert. Besteht ein Portfolio zu einem großen Teil aus Small- oder MidCaps, muss dies bei der Bewertung berücksichtigt werden. Small- und MidCaps sind mit höheren Renditechancen, aber auch größeren Risiken verbunden als Blue Chips.
 
Eine noch junge Nische am Finanzmarkt ist Impact Investing – auf Deutsch: Wirkungsorientiertes Investieren (WI). Damit gemeint sind Geldanlagen, die einen direkten sozialen oder ökologischen Einfluss haben. Dazu gehören zum Beispiel Investments in Bildungs- oder Energieprojekte oder in nachhaltige Landwirtschaft. Die Finanzprodukte reichen von Fonds über Social Bonds bis hin zur "Bürgeraktie". 
 
Die Nische ist noch klein. Hierzulande steckten vergangenes Jahr 13 Milliarden Euro in wirkungsorientierten Fonds und Mandaten – überwiegend geschlossene Fonds institutioneller Anleger. Das waren zehn Prozent des Volumens aller nachhaltigen Fonds und Mandate und knapp sechs Prozent des Volumens aller nachhaltigen Investments, die insgesamt 219 Milliarden Euro bündelten. Diese Zahlen nennt das Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG) in seinem jüngsten Jahresbericht. Doch auch das zeigt die Erhebung: Impact Investments legten 2018 unter allen nachhaltigen Anlagen am stärksten zu, die Nische wuchs um 150 Prozent.
 
Die verschiedenen Beispiele zeigen: Der Weg zur grünen Rendite ist komplizierter als es scheint. Dies bietet insbesondere unabhängigen Vermögensverwaltern eine gute Chance, da sie auf die individuellen Bedürfnisse der Anleger am besten eingehen können.
Christian Fischl ist Geschäftsführer der Huber, Reuss & Kollegen Vermögensverwaltung