Glühwein-Euphorie an den Märkten?

Stefan Ziermann, Fuchs-Kapital
Stefan Ziermann / Bild: Fuchs-Kapital
Jetzt dreht der Markt völlig durch und feiert in Glühwein-Euphorie. Auslöser für die Party waren die Worte von US-Notenbankchef Jerome Powell. Dabei hatte der mit seiner Ankündigung nur geliefert, was alle schon geahnt hatten. Die Zinsen werden vermutlich schon im Dezember langsamer steigen (50 Basispunkte).

Dow, DAX und S&P 500 rasteten nach Powells Worten völlig aus. Der Dow stieg in nur zwei Stunden um 1.000 Punkte. Damit schickt er sich nun sogar an, den Abwärtstrend zu verlassen. S&P 500, Nasdaq und DAX zogen hinterher, haben ihre Trends aber noch nicht gedreht. Vor allem dem DAX fällt der Sprung über 14.700 Zähler weiter schwer.

Taub und blind in der Zins-Euphorie

In der Euphorie über die zunehmende Sicherheit überhören die Börsianer aber offenbar viele Hinweise. So hat Powell auch gesagt, dass "die Inflation weiter viel zu hoch" ist. Es müsse noch einige weitere Zinsanhebungen geben. Zudem ist zu beobachten, dass sich die Inflation teilweise verfestigt. Darum werde die Fed die Zinsen nach weiteren Anhebungen auch längere Zeit in einem restriktiven Niveau halten. All das ist zwar auch bereits bekannt, die Märkte ignorieren diese Aussicht aber gerade.

FUCHS-Kapital meint, dass der Markt mit seiner Weihnachtsrallye nun sehr viel vorweg genommen hat. Zumal das reale Bild durchaus trübe ist - zumindest in Europa. Die Anleihemärkte signalisieren das ebenfalls weiter (FK vom 24.11.). Auch wenn die Wirtschaftsforschungsinstitute sichtlich aktiv darauf hinweisen, dass es nur eine "kleine Rezession" im nächsten Jahr geben werde und die Verbraucher angeblich nicht sparen würden: Viele Zahlen sehen anders aus und lassen uns an der Perspektive zweifeln.

Gold und Silber als Absicherung gefragt

Die Verbraucherpreise steigen weiter kräftig, bleiben zweistellig. Der Einzelhandel in Deutschland hat im November einen Umsatzrückgang gemeldet (-2,8 Prozent, erwartet -0,6 Prozent). Die Stimmungsindikatoren sinken. Die Industrie spart Gas, zum Großteil aber nur durch Produktionskürzungen. Fast 60 Prozent aller Firmen berichten über Materialmangel, so ifo. Der leichte Rückgang kann ebenfalls auf die geringere Produktion zurückgeführt werden. Positive Aussichten sehen anders aus.

Dass sowohl der Gold- und Silberpreis steigen, passt gut ins Bild. Denn wenn die Inflation hoch bleibt, die Notenbanken aber die Zinsen nicht mehr so stark straffen, dann gewinnen Edelmetalle wieder relative Vorteile. Sie werden in einem Szenario hoher Inflation und konstant zu niedriger Zinsen die Funktion des Vermögensschutzes besser erfüllen als bei weiter straff steigenden Zinsen. Aus dem gleichen Grund dürften auch die zinssensitiven Kryptowährungen wieder zulegen. Der relative Zins-Nachteil wird absehbar nicht mehr viel größer, die Aussichten für Kryptos verbessern sich wieder.

Fazit: Die Märkte haben einen "Powellschen" Reflex. Vielleicht sind wir zu nüchtern für die aktuelle Glühwein-Party an den Börsen. Uns fehlt aber schlicht die Phantasie zu erkennen, woher weitere Kursgewinne kommen sollen. Darum holen wir uns in gut gelaufenen Positionen jetzt unser "Weihnachtsgeld" ab und feiern die Party vorsichtig weiter mit. Die Ernüchterung und der Kater werden kommen.
Stefan Ziermann ist Chefredakteur im Verlag FUCHSBRIEFE. Er verantwortet den Unternehmerbrief FUCHSBRIEFE, die Börsenbriefe FUCHS-Kapitalanlagen, den Brief für Wasserstoff-Aktien FUCHS H2-Invest und die FUCHS-Devisen mit Fokus auf Währungen, Anleihen, Rohstoffe und Kryptowährungen. Darüber hinaus ist er Herausgeber des jährlich publizierten FUCHS-Geldanlagebuches „Anlagechancen“ und des FUCHS-Broker-Ratings.

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