Marktstimmung - Zaghafte Gegenbewegung

Marktstimmung - Zaghafte Gegenbewegung
Robert Halver / Bild: Baader Bank

Marktstimmung - Zaghafte Gegenbewegung

Der Anlegerfokus liegt momentan auf der angeschlagenen Konjunktur. Die deutsche Industriestimmung befindet sich auf dem Niveau der Euro-Krise von 2012, leidet also an Depressionen. Die Entlassungen in den klassischen Industriebranchen passen in das eingetrübte Bild. Auch der bislang so robuste Dienstleistungssektor schwächelt zunehmend. Laut Bundesbank ist die deutsche Wirtschaft in der Rezession angekommen.
Dass sich die Bundesregierung jetzt unter immensem Handlungsdruck sieht, verdeutlicht der Umgang mit der „schwarzen Null“. War diese vor zwei Wochen noch eine heilige Kuh, betätigen sich immer mehr Politiker als Messerschleifer.
Es rächt es sich bitter, dass Berlin in den guten Konjunkturjahren über Wirtschaftsreformen keine Vorsorge für schlechte Zeiten getroffen hat. Die Sozialprogramme werden von nun an zu schweren Fixkosten. Das hinter vorgehaltener Hand in Windeseile von Bundesfinanzminister Scholz vorbereitete 50-Mrd.-Konjunkturpaket zur Standortverbesserung ist viel zu klein, kommt zu spät und setzt zu wenig auf schnelle (Unternehmens-) Steuersenkungen, mit denen Deutschland wieder konkurrenzfähig würde. Um den jahrelangen Investitionsstau zu beheben reicht keine Kosmetik. Es geht vielfach um Kernsanierung. Wenn es mit negativen Zinsen im Augenblick Brei vom Himmel regnet, muss die Wirtschafts- und Finanzpolitik einen ganz großen Löffel haben und essen, essen, essen. Wer bei diesen Konditionen, die in anderen Ländern sogar „Zinsneid“ auslösen, nicht ordentlich in die deutsche Infrastruktur, in das volkswirtschaftliche Vermögen und damit in die Zukunftsfähigkeit - aber nicht in wahlpopulistischen Schnick-Schnack - investiert, hat den Nobelpreis für ökonomische Ignoranz verdient.

Planwirtschaft? Lieber nicht.

Planwirtschaftliche Instrumente wie Mietpreisbremse und Mietpreisdeckel lindern übrigens nicht die Wohnungsnot. Im Gegenteil, sie sind ein Investitionshindernis für private Investoren, die dann z.B. Sanierungsmaßnahmen zum Klimaschutz immer weniger stemmen können. Man hätte schon vor Jahren die Liegenschaften des Bundes, der Länder und der Kommunen für den Wohnungsbau freigeben und das Baurecht aus seinem bürokratischen Jahrhundertschlaf wecken müssen. Denn in der Marktwirtschaft gilt: Gibt es mehr Angebot, fallen die Preise.
Und statt vor den drei ostdeutschen Landtagswahlen wahlpopulistische Diskussionen über die Verhinderung von Negativzinsen für Anleger anzuzetteln, hätte die Politik schon längst die deutsche Vermögensbildung kernsanieren müssen. Das haben selbst Länder in Europa gemacht, die nicht der „Marktradikalität“ verdächtig sind. Sie wissen, dass diätöses Zinssparen der sichere Weg für zukünftig erhöhte staatliche Sozialleistungen ist. Denn auch Nullzinsen verhindern keine Altersarmut. Die ideologischen Scheuklappen müssen abgenommen und die Vorsorge mit Aktien gefördert werden. Allein schon aus Sicht der Dividendenrendite lohnen sich Aktienengagement.

Grafik: Entwicklung Überschüsse/Defizite von Staatsanleihen

 

Ebenso bleibt die politische Unsicherheit in Europa hoch. Mit seinem Vorschlag, den Backstop - Notlösung, die die Briten in einer Zollunion an die EU bindet, wenn Zollkontrollen zwischen dem EU-Mitglied Irland und dem britischen Nordirland anders nicht zu verhindern sind - neu zu verhandeln, beißt Boris Johnson bei der EU auf Granit. Die von Merkel und Macron in den Raum gestellte und von Johnson mit „Wir schaffen das“ ebenso aufgeworfene Lösungsfindung binnen 30 Tagen ist reine Utopie. Sie dient beiden Seiten vor allem der Suggestion der Kompromissbereitschaft, um nach einem No Deal-Brexit am 31. Oktober die Hände jeweils in Unschuld zu waschen. Johnson geht es primär darum, die Conservative Party bei der nächsten Wahl nicht zum Vorteil der Brexit Party untergehen zu lassen. Unmittelbare ökonomische und soziale Folgeschäden durch hohe Zölle für EU-Exporte, einem Logistikchaos an den Grenzen, Engpässen bei Lebensmitteln sowie Medikamenten und steigender Arbeitslosigkeit verniedlicht die britische Regierung bislang. Ohne Lösung im Brexit-Streit wird Halloween in diesem Jahr besonders grauenvoll.
In Italien stehen die Zeichen offenbar auf eine neue Regierung aus 5-Sterne-Bewegung und Sozialdemokraten (PD). Dieses Bündnis ist eine Notallianz von zwei zerstrittenen Parteien, die aber eint, Neuwahlen zu verhindern, bei der die Lega von Matteo Salvini nach Umfragen deutliche Zuwächse erzielen würde. Grundsätzlich wird diese Koalition weder in puncto Stabilität noch Wirtschaftsreformen große Sprünge machen. Die Finanzmärkte betrachten die italienische Regierungskrise mit Gelassenheit. Sie erwarten ohnehin, dass die EU ihr Spardiktat gegenüber Italien lockert, um einem Konfrontationskurs mit folgender römischer Finanzkrise und dann Eurosklerose aus dem Weg zu gehen. Als Staatsschulden-Financier wird die EZB liquiditäts- und zinspolitisch ebenso in Erscheinung treten wie die Fed und damit den Aktienmarkt - wie derzeit zu beobachten - stützen.

Robert Halver leitet seit 2008 die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Mit Wertpapieren und Anlagestrategien beschäftigt er sich in verschiedenen Positionen – darunter beim Bankhaus Delbrück und der Schweizer Bank Vontobel – bereits seit 1990. Der wortgewandte Aktienexperte ist durch regelmäßige Medienauftritte und Fachpublikationen sowie als Kolumnist einem breiten Publikum bekannt.
 
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