Geopolitische Verkrampfung der Weltwirtschaft

Dr. Ulrich Kater, Deka
Dr. Ulrich Kater / Bild: Deka
Die Weltwirtschaft wirkt verkrampft, das globale Wachstum schleppt sich mit knapp über 3 Prozent  mühsam voran. Die geopolitische Entwicklung und die daraus erwachsenden Risiken lassen keine schwungvolle Expansion zu: die neuerliche handelspolitische Eskalation zwischen den USA und China, die mit dem neuen britischen Regierungschef Johnson gestiegene Sorge um einen ungeordneten Brexit, der zusätzliche Handelsstreit zwischen Japan und Südkorea sowie die Spannungen im Nahen Osten rund um den Iran. Diese belastenden und ermüdenden negativen Einflüsse lasten auf der Stimmung der Unternehmen, die vor allem in der exportorientierten Industrie mit Verunsicherung und Investitionszurückhaltung reagieren. Insbesondere die deutsche Volkswirtschaft ist hiervon betroffen und zeigt klare Schwächeanzeichen.
 
Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang, dass es sich weniger um ein zyklisches Phänomen handelt. Der Auslöser für die Wachstumssorgen liegt eben nicht in starken Zinserhöhungen, auf die eine kurzzeitige Rezession mit anschließender kraftvoller Erholung folgt. Vielmehr sind es strukturelle Einflüsse seitens der Geopolitik, die in der Summe die positiven Effekte der Globalisierung zurückdrehen: Konfrontation und Protektionismus wird das Wort geredet, und sie hemmen die internationale Arbeitsteilung. In der Konsequenz erwarten wir vor diesem Hintergrund nicht nur in diesem und im nächsten Jahr ein äußerst bescheidenes Expansionstempo der Weltwirtschaft, sondern auch weit darüber hinaus. Denn eine baldige Renaissance der Globalisierung erscheint wenig wahrscheinlich.

Notenbanken als Wunderdoktor

Die Notenbanken sehen sich derzeit in der Rolle des Wunderdoktors gegen diese Verkrampfungen. Leitzinssenkungen und abermalige Nettowertpapierkäufe sind kommunizierte Perspektiven für die amerikanische Fed und auch für die Europäische Zentralbank. Tatsächlich lindern die Notenbanken den Schmerz, ohne freilich das Übel an der Wurzel packen zu können. Immerhin wird so ein Einbruch der Wirtschaft und an den Kapitalmärkten verhindert. Damit verhärtet sich freilich auch die Nullzinswelt in Deutschland. Sogar dreißigjährige Bundesanleihen rentieren inzwischen negativ. Die Aktienmärkte durchlaufen die schon länger erwartete Korrektur. Und Gold erstrahlt in länger nicht gesehenem Glanz.
 
An den Symptomen zu kurieren mag nicht die erstbeste Lösung sein, aber es hilft, um das globale Wachstum zu erhalten. In diesem Umfeld sind durchaus moderat steigende Unternehmensgewinne und damit auch höhere Aktiennotierungen zum Jahresende zu erwarten. Das bedeutet zwar keine starken neuen Impulse für große Phantasie an den Märkten. Vielmehr ist es ein leicht positiver Trend, der weiterhin von hoher Marktvolatilität begleitet sein wird.

Die wichtigsten Prognoserevisionen und Änderungen

  • Deutschland: Bruttoinlandsprodukt 2019 bzw. 2020: 0,2 Prozent bzw. 0,7 Prozent (bisher: 0,5 Prozent bzw. 1,3 Prozent); Inflation 2020: 1,5 Prozent (bisher: 1,7 Prozent).
  • Euroland: Inflation 2019 bzw. 2020: 1,2 Prozent bzw. 1,3 Prozent (bisher: 1,3 Prozent bzw. 1,5 Prozent).
  • USA: Inflation 2020: 2,4 Prozent (bisher: 2,2 Prozent).
  • Senkung des EZB-Einlagensatzes auf -0,60 % im Dezember.
  • Niedrigere Bund-Renditeverläufe in allen Laufzeitbereichen.
  • Aufwärtsrevision der Goldpreisprognose.
  • USA: Zusätzliche Leitzinssenkung bis Ende 2020.    

    Konjunkturdaten der wichtigsten Industrieländer

                        
    Deutschland
    Derzeit gibt es für Volkswirtschaften drei akute Misserfolgsfaktoren: Ein hoher Industrieanteil, eine hohe Exportquote und ein hoher Anteil an Ausfuhren in die Region Asien. In allen drei Kategorien punktet Deutschland – eine ungute Konstellation. Die globalen Verwerfungen und politischen Unwägbarkeiten belasten die deutschen Unternehmen und ihre Kunden im In- und Ausland. Diese wollen nicht mit Ballast in stürmischere See geraten. Stattdessen heißt es „Luken zu und Schotten dicht“! Hierzu gehört, die Lagerbestände an Vorleistungsgütern zu verringern, die Neubestellungen herunterzufahren und Investitionen aufzuschieben. Deutschland schlittert – getrieben von den globalen Problemen – in eine technische Rezession.
    Prognoserevision: Bruttoinlandsprodukt 2019 bzw. 2020: 0,2 Prozent bzw. 0,7 Prozent (bisher: 0,5 Prozent bzw. 1,3 Prozent); Inflation 2020: 1,5 Prozent (bisher: 1,7 Prozent).    
     
    Euroland
    Das Bruttoinlandsprodukt in Euroland nahm gemäß der vorläufigen Schnellschätzung von Eurostat im zweiten Quartal nur noch um 0,2 Prozent im Vorquartalsvergleich (qoq) zu. Am stärksten war das Wachstum mit 0,5 Prozent qoq in Spanien, gefolgt von Frankreich, Österreich und Belgien mit jeweils 0,2 Prozent qoq. Italien hingegen stagnierte. Für Deutschland zeichnet sich eine Schrumpfung der Wirtschaftsleistung ab. Klar abzulesen sind in allen Ländern die anhaltenden Probleme der Industrie, deren Bruttowertschöpfung sank. Noch halten die auf die Binnenwirtschaft ausgerichteten und konsumorientierten Branchen die Konjunktur am Laufen. Doch je länger die industrielle Schwäche anhält, desto stärker wächst die Gefahr, dass diese bislang tragende Säule Risse bekommt.
    Prognoserevision: Inflation 2019 bzw. 2020: 1,2 Prozent bzw. 1,3 Prozent (bisher:1,3 Prozent bzw. 1,5P rozent)
       
           
    USA
    Das Bruttoinlandsprodukt ist im zweiten Quartal um 2,1 Prozent angestiegen (annualisierte Quartalsveränderungsrate). Bislang trotzt die US-Wirtschaft dem global schwachen Wachstumsumfeld auch dank einer vergleichsweise geringen Industrie und Außenhandelsabhängigkeit. Bislang treten nur bei den Unternehmensstimmungsindikatoren und bei den Unternehmensinvestitionen Bremsspuren durch den Handelskonflikt auf. Das Risiko steigt allerdings, dass mit jeder weiteren Eskalationsstufe im Handelskonflikt mit China die Belastungen spürbarer werden. Aufgrund dieser Risiken hat die amerikanische Zentralbank jüngst eine Leitzinssenkung vorgenommen. Die Juni-Daten der Verbraucherpreise deuten an, dass die
    Zölle nun auch die Inflationsrate nach oben treiben.
    Prognoserevision: Inflation 2020: 2,4 Prozent (bisher: 2,2 Prozent).

    Anhaltend schwierige Lage im globalen Handel belastet die Aktienmärkte

    Aktienmarkt Deutschland
    Deutschland ist von der Schwäche im verarbeitenden Gewerbe sowie der anhaltend schwierigen Lage im globalen Handel besonders stark betroffen. Dies hinterlässt auch bei den Unternehmen sichtbare Bremsspuren. Die für das abgelaufene zweite Quartal berichteten Unternehmensgewinne liegen deutlich unterhalb der Niveaus aus dem Vorjahr. Auch die Ausblicke auf den weiteren Jahresverlauf fallen zurückhaltend aus. Mit einer schnellen Wende bei den Unternehmensgewinnen ist somit nicht zu rechnen. Allerdings hat sich die Stimmungslage bei den deutschen Unternehmen mittlerweile stark eingetrübt, sodass eine Stabilisierung bei Stimmung, Wachstum und Unternehmensgewinnen möglich erscheint. Diese Perspektive wird am Aktienmarkt zwar keinen unmittelbaren positiven Impuls auslösen, sollte aber eine Bodenbildung bei erhöhter Schwankungsbreite in den kommenden Wochen möglich machen. Zudem sorgt die Neuausrichtung der Geldpolitik für eine wirksame Unterstützung.
    Prognoseänderungen: Keine
    Dr. Ulrich Kater studierte Volkswirtschaftslehre an den Universitäten Göttingen und Köln. Promotion 1995 am Finanzwissenschaftlichen Lehrstuhl der Universität zu Köln, daneben Lehr- und Forschungstätigkeit an der Universität Köln, der Fachhochschule Köln und der European Business School. Von 1995 bis 1999 war Kater im Stab der »fünf Wirtschaftsweisen« für die Themen Geldpolitik und Kapitalmarkt verantwortlich.  Seit 1999 Mitarbeit am Aufbau der Volkswirtschaftlichen Abteilung der DekaBank, seit 2004 Chefvolkswirt der DekaBank, Vorsitzender der Kommission Wirtschaft und Finanzen im Verband Öffentlicher Banken seit 2006. Weitere Lehraufträge an der Universität Witten-Herdecke und der Zeppelin University Friedrichshafen. Er ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zu den Themen Geldpolitik, Währungspolitik, internationale Kapitalmärkte, Finanzpolitik, Alterssicherungssysteme und internationaler Dienstleistungshandel, etwa: »100 Konjunkturindikatoren«, Cometis-Verlag, 2008, »Handbuch Europäische Zentralbank«, Uhlenbruch-Verlag 2005.