Fehlbewertungen am Aktienmarkt: Gezielt Chancen nutzen

Marcel Huber, BlackPoint AM
Marcel Huber /Bild: BlackPoint AM
Seit weit mehr als 100 Tagen wütet der grausame Krieg in der Ukraine bereits – und ein Ende ist nicht in Sicht. Der Westen stellt sich auf einen langwierigen Konflikt ein und unterstützt die Ukraine in vieler Hinsicht. Dies sorgt natürlich für Unmut auf der russischen Seite, die im Gegenzug wie befürchtet Europa schrittweise den Gashahn zudreht.
 
Ein möglicher Gasmangel stellt eine ernsthafte Bedrohung für die europäische und insbesondere die deutsche Wirtschaft dar. Gleichzeitig treiben die steigenden Energiepreise die Inflation – ebenso wie die Nachwehen der durch die Null-Covid-Politik verursachten Lockdowns in China. Diese tragen maßgeblich zu Störungen in den Lieferketten bei. Das verteuert Vor- und Zwischenprodukte.

Dynamische Lohnsteigerungen in USA

Die USA sind von den steigenden Energiepreisen zwar weniger stark betroffen als Europa, da sie nicht zuletzt aufgrund der Schiefergas-Förderung seit geraumer Zeit Netto-Exporteur sind. Dort werden die Entwicklungen aber zusätzlich durch einen vom Mangel an Arbeitskräften geprägten Arbeitsmarkt verstärkt. Dieser führt zu dynamischen Lohnsteigerungen in einigen Bereichen, die dann wiederum Produkte verteuern. In Deutschland und dem Rest Europas ist der Lohndruck deutlich weniger stark ausgeprägt. Es werden aber auch hierzulande Lohnsteigerungen durchgesetzt.
Insgesamt lag die Inflationsrate im Mai in den USA bei 8,6 Prozent im Jahresvergleich und in der Eurozone bei 8,1 Prozent.

Zentralbanken vor Herausforderungen

Für die Zentralbanken ist das Umfeld herausfordernd. Während die US-Notenbank Fed in ihrem dualen Mandat zumindest das Ziel des maximalen Beschäftigungsniveaus erreicht, läuft die Europäische Zentralbank Gefahr, ihre Ziele komplett zu verfehlen. Es ist höchste Eile geboten, das Schreckgespenst der Inflation wieder einzufangen.
 
Trotz der drohenden Gefahren für das Wirtschaftswachstum müssen die Zentralbanken entschlossen reagieren, um den kurzfristigen Inflationssprung wieder unter Kontrolle zu bringen. Viele Marktteilnehmer sind selbst nach den angekündigten, aggressiven Maßnahmen der Notenbanken noch nicht vorbehaltlos überzeugt, dass dies zeitnah gelingen kann.
 
Die Währungshüter stehen vor einem Dilemma: Ihnen bleibt nur ein schmaler Korridor, um die Inflation einerseits abzukühlen und andererseits die Wirtschaft nicht zu stark zu belasten. Es muss also bei rauem Wind eine weiche Landung gelingen.

Spätzyklisches Szenario mit höchster Wahrscheinlichkeit

Nachdem sich sowohl die Inflationsdaten als auch die Prognosen zum Wirtschaftswachstum schlechter entwickelt haben als zunächst erwartet, haben wir die Gewichtung unserer Kernszenarien angepasst. Die Veränderungen im Vergleich zum Ende des ersten Quartals machen deutlich, dass wir unserem Basisszenario immer noch eine hohe Wahrscheinlichkeit einräumen. Die Risiken haben jedoch stark zugenommen.
 
Die Wahrscheinlichkeit unseres spätzyklischen Basisszenario beziffern wir aktuell mit 50 Prozent – nach 55 Prozent zum Ende des ersten Quartals. In diesem bekämpfen die Notenbanken die Inflation entschlossen und können eine Rezession knapp verhindern. Wir sehen Wachstum bei langfristig erhöhter Inflation.
 
Das Risiko einer Rezession ist laut unserer Szenarioanalyse von 10 Prozent auf 30 Prozent gestiegen. In diesem Szenario belasten ein lang anhaltender Krieg im Osten Europas, ein Angebotsschock bei Rohstoffen, Deglobalisierung, stark zunehmende Spannungen im Welthandel sowie weitere Risikofaktoren wie neue schwerwiegende Corona-Mutationen das Wirtschaftswachstum.
 
Hochkonjunktur halten wir mit 10 Prozent (Ende erstes Quartal: 30 Prozent) für ebenso unwahrscheinlich wie Stagflation, also erhöhter Inflation bei stagnierenden Wachstumsraten (Ende erstes Quartal: 5 Prozent).

Portfolio defensiver ausgerichtet

Vor dem Hintergrund der aktuellen Szenarioanalyse haben wir im Portfolio des BlackPoint Evolution Fund pragmatisch Anpassungen vorgenommen. Seit Ende März wurde die Aktienquote von ~55,5 Prozent deutlich auf ~46 Prozent reduziert. Gleichzeitig haben wir die Aktienkomponente defensiver ausgerichtet, mit einem Fokus auf robuste Ertragskraft und vor allem Preissetzungsmacht.
 
Es wurden unter anderem Werte aus dem Bereich zyklischer Konsum und andere konjunkturabhängige Papiere verkauft, ebenso Finanzwerte aus Europa und den USA. Der Sektor der Grundbedarfsgüter wurde im Gegenzug etwas gestärkt und auch der Goldanteil nochmals leicht erhöht.
 
Die Anleihequote stieg lediglich leicht um ~1 Prozent. Wir haben in kurzlaufende US-Staatsanleihen investiert beziehungsweise fällige Papiere reinvestiert. In Summe führte dies zu deutlich höheren Barmitteln: Die Cash-Quote ist von ~3,7 Prozent auf ~10,5 Prozent gestiegen. Inklusive kurzlaufender US-Anleihen liegt sie bei ~20 Prozent.

Fehlbewertungen bieten Chancen

Wir sind davon überzeugt, dass sich im aktuellen Umfeld Fehlbewertungen durch undifferenzierte Kurskorrekturen über ganze Segmente, Branchen und Indizes ergeben. Mittlerweile notieren Technologiewerte, gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis, beinahe wie als besonders stabil geltende Konsumgüterwerte (siehe Grafik).
Mit unserem Fokus auf Einzeltitelauswahl wollen wir gezielt und maßvoll Chancen ergreifen. Das heißt: in Werte investieren, die uns überzeugen und im langfristigen Kontext günstig bewertet erscheinen. In extremen Marktphasen wie dieser zahlt sich eine stringente Anlagestrategie aus: Angesichts der zahlreichen Risiken wird die Titelselektion noch wichtiger werden. Wir sind davon überzeugt: Bei tiefer Depression der Märkte kann durch mutiges Festhalten an der eigenen Investmentphilosophie der Grundstein für eine herausragende Wertentwicklung in den kommenden Jahren gelegt werden.
Die gesamte aktuelle Ausgabe der Quartalspublikation „Facts“ von BlackPoint Asset Management finden Sie hier
Marcel Huber ist Co-Portfoliomanager des BlackPoint Evolution Fund beim Asset Manager BlackPoint.