Brexit: Damoklesschwert über britischem Binnenmarkt

Steven Bell, BMO Global Asset Management
Steven Bell / Bild: BMO Global Asset Management
  • Mit der Ernennung des neuen Premiers haben sich die Chancen für einen No-Deal drastisch erhöht – unter Berücksichtigung aller möglichen Szenarien liegen sie deutlich über 50 Prozent.
  • Im Falle eines No-Deal-Brexit: Das Pfund Sterling schwächt sich ab, Handel würde prinzipiell begünstigt, der Preis der meisten FTSE-100 Unternehmen wird gestützt. Die Konsequenzen für Unternehmen mit Fokus auf den inländischen Markt wären schwerwiegender.
Im Vereinigten Königreich herrscht Unsicherheit. Die EU ist der größte Handelspartner Großbritanniens und in den letzten 40 Jahren hat sich die Insel zu einem signifikanten Nutzniesser von Direktinvestitionen im Inland entwickelt - Letzteres zumindest teilweise dank seiner EU-Mitgliedschaft. Viele der entworfenen Brexit-Szenarien gehen davon aus, dass sich die EU darauf konzentrieren wird, den Schaden für die Union zu begrenzen und ihren Wettbewerbsvorteil zu erhöhen. Im Falle eines EU-Austritts ist deshalb das Vereinigte Königreich in jedem Fall am kürzeren Hebel. Wir haben deshalb Wahrscheinlichkeitsberechnungen im Zusammenhang mit dem Brexit angestellt.

No-Deal-Brexit zu mehr als 50 Prozent wahrscheinlich

In der Vergangenheit sind Theresa May’s Vorschläge mehrfach am britischen Parlament gescheitert. Boris Johnson macht nicht den Anschein, als ob er sich auf ein Kräftemessen mit dem Parlament einlassen würde. Wenn wir die kumulierten Wahrscheinlichkeiten der Szenarien für die Zeiträume vor und nach dem 31. Oktober betrachten, liegen die Aussichten auf einen No-Deal-Brexit deutlich über 50 Prozent.
 
Nach dem 31. Oktober liegt die Wahrscheinlichkeit, dass eine Minderheitsregierung der Labour-Partei eingesetzt wird bei 40 Prozent. Die Labour-Partei wird unter anderem von liberalen Demokraten und schottischen Nationalisten getragen und würde sich deshalb für die Durchführung eines zweiten Brexit-Referendums entscheiden.

Der Schaden für das Königreich wäre größer als für die EU

Ein Ja zu einem potenziellen zweiten Referendum und der Verbleib des Vereinigten Königreichs in der EU könnten zumindest einen Teil des Rückgangs der letzten drei Jahre umkehren. Die EU mit Deal zu verlassen ist unwahrscheinlich, wäre aber das optimistischste Szenario für das Pfund Sterling.
 
Da der Großteil der unternehmerischen Erträge in Großbritannien aus Übersee stammt, würde ein schwächeres Pfund den Pfund Sterling-Preis der meisten FTSE-100-Unternehmen stützen. Im Inland ansässige Unternehmen würden allerdings unter dem schwachen Kurs leiden.
 
Es ist wahrscheinlich, dass die Bank of England ihre Politik im Falle eines No-Deal Brexits lockern würde. Das würde den Druck auf britische Staatsanleihen verringern, deren Rating könnte nichtsdestotrotz von AA auf AA- gesenkt werden. Insgesamt aber wären die Auswirkungen auf den Anleihen-Markt gering.
 
Ein „No Deal“-Brexit wäre ein 'risk-off' Ereignis, das für die EU unvorteilhaft wäre und den Euro und die europäischen Aktien sensibel treffen würde. Aber die tatsächlichen Auswirkungen wären für die EU wahrscheinlich bescheiden und sicherlich viel geringer als für das Vereinigte Königreich.
Steven Bell ist Chief Economist bei BMO Global Asset Management

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