Silber: Die Rallye geht wohl weiter, aber Gold kann nicht mehr aufgeholt werden

Nitesh Shah, WisdomTree
Nitesh Shah / Bild: Wisdom Tree
Im Juni 2019 durchbrach der Goldpreis die bisherige Widerstandslinie und stieg während dieses Monats um 10 Prozent. Silber legte dagegen im selben Monat lediglich um 6 Prozent zu. Auf Basis des internen WisdomTree-Prognosemodells rechnen wir mit einem Anstieg des Silberpreises von  USD 15,30 je Feinunze  Ende Juni 2019 auf USD 17,00 je Feinunze Ende Dezember 2019 sowie nachfolgend mit einem erneuten Rücksetzer auf USD 16,50 je Feinunze zum Ende Juni 2020. Über einen Zeithorizont von  einem  Jahr  entspricht  unsere  Prognose  folglich  einem  Plus  von  nahezu  7 Prozent.  Damit  ergäbe  sich  beim  Silberpreis  ein  deutlicherer  Anstieg  als  beim  Gold  (hier  gehen  wir  von  +5 Prozent  aus).  Der  Silberpreis  dürfte  allerdings  den  Rückstand  zum  jüngst deutlich gestiegenen Goldpreis nicht vollständig aufholen.

Silber mit Defizit

Im Jahr 2018 kam es beim Silber zu einer Angebotsverknappung. Entgegen der Prognose des World Silver Institute vom November 20181 übertraf die Nachfrage nach dem Edelmetall also das Angebot, wenn man börsengehandelte Produkte (ETPs) und den Bestand an Futures-Kontrakten an den Terminbörsen von der Betrachtung ausnimmt. Damit ergab sich eine zum  Überschuss  des  Jahres  2017  gegenläufige  Entwicklung.  Zum  Zeitpunkt  der Veröffentlichung der bestätigten  Zahlen des Jahres 2018 durch das World Silver Institute im April 20192 hatten wir infolge dieser Korrektur mit einem Anziehen des Silberpreises gerechnet. Dennoch blieb Silber hinter der Entwicklung des Goldpreises zurück.

Silber bleibt hinter Gold zurück

Der  Silberpreis konnte die Goldrallye  der  vergangenen  Wochen  nicht  in  derselben  Größenordnung  nachvollziehen. Das Gold-Silber-Verhältnis hat den höchsten Stand seit 1991 erreicht und liegt um deutlich mehr als eine Standardabweichung über seinem historischen Durchschnitt seit 1990.

Silber eng an Gold gekoppelt

Der Silberpreis ist historisch zu 80 Prozent an den Goldpreis gekoppelt. Wenn das gelbe Edelmetall also zu einer Rallye ansetzt, gehen wir für Silber von einer identischen Entwicklung aus. Im vergangenen Monat hat der Goldpreis deutlich angezogen +10 Prozent, beim Silber fiel der Anstieg dagegen verhaltener aus +6 Prozent. Diese „latente“ Rallye ist für den Silberpreis typisch, denn er verändert sich nicht immer im selben schnellen Takt wie der Goldpreis. Wenn letzterer allerdings einen klaren Trend zeigt, tendiert auch Silber in eine ähnliche Richtung.

Ausblick für Silber

Wie in unserem Beitrag Silver outlook: Searching for a silver lining dargestellt, ist der Trend bei Silber eng an den Goldpreis gekoppelt. Daher stellt der Goldpreis den wichtigsten Einflussfaktor für die Entwicklung des Silberpreises dar. Allerdings sind das physische Angebot und die entsprechende Nachfrage bei Silber bedeutsam – im Gegensatz zum Goldpreis, der nahezu ausschließlich von gesamtwirtschaftlichen und geldpolitischen Variablen beeinflusst wird. In unserem für Silber entwickelten Modell greifen wir stellvertretend für die Nachfrage nach dem Edelmetall auf die globalen Einkaufsmanagerindizes (EMIs) zurück,  da  sich  die  Nachfrage  nach  Silber zu mehr  als  50%  aus  industriellen  Anwendungen speist.  Die Angebotsseite  ist  in  unserem Modell  durch  die  (zeitversetzten)  Investitionen im Bergbau  repräsentiert:  Mit  steigenden  Investitionen  in  diesem Sektor dürfte sich aus unserer Sicht das Silber-Angebot mit gewisser Verzögerung ausweiten. Zudem beziehen wir in unser Modell auch den Bestand an Silber-Futures an den Terminbörsen ein. Je größer der Bestand der an den Börsen eingegangenen Kontrakte, desto leichter der Zugang zu Silber. Wir setzen stellvertretend den Bestand an Terminkontrakten an, da sich die Beschaffung aktueller Daten zum Gesamtsilberbestand schwierig gestaltet. Der Goldpreis stellt die wichtigste Komponente unseres Silber-Modells dar und steigt derzeit weiter. Sollte es zu keinen geopolitischen Verwerfungen größeren Ausmaßes kommen, der US-Dollar nicht abwerten und die Renditen auf 10-jährige US  Treasuries  nicht  sinken,  rechnen  wir  bis  zum  2.  Quartal  2020  mit  einem  Anstieg  des  Goldpreises  auf  USD  1.480  je  Feinunze (siehe Goldpreis über USD 1.400 – wie geht es weiter?).
Nitesh Shah ist Rohstoffexperte und Director Research bei WisdomTree
           

Im Artikel erwähnte Wertpapiere

DB Gold 1.476,66 0,46%
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ETCs

DB Silber 16,95 -0,12%
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