Dynamische Erholung im ersten Halbjahr 2019

Metzgers Meinung - Kommentar des Chefstrategen Bankhaus Bauer
Thomas Metzger / Bild: Bankhaus Bauer
Die Entwicklung der globalen Finanzmärkte verlief in 2019 bisher sehr konstruktiv. Nach der scharfen Korrektur im letzten Quartal des Vorjahres erholten sich vor allem Aktien seit Jahresbeginn deutlich. Der zumindest verbal wieder expansiveren Geldpolitik der Notenbanken stehen allerdings nach wie vor wirtschaftspolitische Risiken gegenüber.

2019 bisher gutes Jahr für Investoren

Das Jahr 2019 begann für viele Märkte erfreulich. Unterstützt von ermutigenden Signalen der Notenbanken in den USA, Europa und China sowie einer offensichtlichen Annäherung der Großmächte USA und China im Handelsstreit stiegen sowohl die Aktien- als auch die Anleihekurse zu Jahresbeginn deutlich. Dabei erwiesen sich in den ersten Wochen des Jahres weder der Haushaltstreit in den USA inklusive längstem „Shutdown“ der Geschichte, noch das anhaltende Chaos rund um den „Brexit“ als Hemmschuh.

Konjunkturrisiken durch Protektionismus

Diese Entwicklung ist umso positiver zu werten, als dass viele Konjunkturindikatoren im ersten Quartal die Erwartung eines sich weltweit abschwächenden Wirtschaftswachstums bestätigten und somit eher „raues Fahrwasser“ für die Börsen vermuten ließen. Auch die Berichtssaison wusste nicht vollkommen zu überzeugen. Vor allem die Prognosen der Unternehmen fielen – meist mit Hinweis auf den Handelsstreit – sehr vorsichtig aus. Anfang Mai fand der Anstieg der Aktienmärkte schließlich jäh ein vorübergehendes Ende, als US-Präsident Donald Trump den Ton im Handelsstreit recht unvermittelt verschärfte und die Strafzölle auf chinesische Güter ausweitete. Seitdem bewegten sich die globalen Leitindizes in einer Seitwärtsspanne. Als weitere Belastungsfaktoren sind u.a. der Iran-Konflikt sowie Italien zu nennen, wo die Unsicherheit im Hinblick auf einen Fortbestand des Regierungsbündnisses nach der Europawahl temporär wieder zunahm. Dass die Aktienmärkte in dieser Gemengelage nicht zu einer deutlicheren Korrektur ansetzten, ist vor allem den Notenbanken zu verdanken.

Notenbanken reagieren auf wirtschaftliche Schwäche

Während die US-Währungshüter im Dezember 2018 mit ihrer Wortwahl noch Sorgen schürten, dass die Zinsen in Anbetracht der zunehmenden konjunkturellen Warnsignale zu schnell erhöht würden, schlugen sie im Verlauf des ersten Quartals moderatere Töne an und beruhigten damit die Anleger. So rechneten die Investoren zum Jahreswechsel noch mit (mindestens) einer Zinserhöhung in 2019. Mittlerweile scheint diese jedoch ausgeschlossen, vielmehr geht die große Mehrheit der Marktteilnehmer schon von einer Zinssenkung im Juli aus.
 
Auch die Europäische Zentralbank änderte ihre Kommunikation sukzessive. Mitte Juni unterstrich EZB-Präsident Mario Draghi schließlich überraschend deutlich, dass eine weitere Lockerung der Geldpolitik notwendig sei, sollte sich der Wirtschaftsausblick nicht verbessern. Seine Aussagen sowie ähnliche Ankündigungen der US-Fed im Rahmen der wenige Tage später folgenden Notenbanksitzung führten die Aktienindizes in Europa und den USA in den letzten Tagen des ersten Halbjahres wieder in Richtung ihrer Jahreshochs.
 
Nicht zu vergessen ist die chinesische Notenbank, welche ebenfalls expansiv auftrat und – im Gegensatz zu EZB und US-Fed – im ersten Halbjahr auch bereits konjunkturstützende Maßnahmen verabschiedet hat.

Anleihen profitieren von Notenbanken

Auch festverzinsliche Wertpapiere verzeichneten im ersten Halbjahr eine positive Entwicklung. Neben dem neu entdeckten Risikoappetit der Investoren zu Beginn des Jahres ist dies vor allem auf ebenjene Aussicht auf eine expansivere Geldpolitik in den USA, Europa und China zurückzuführen. Der Nachteil ist indes, dass sich durch den Kursanstieg der Rentenmärkte erneut das Verhältnis von Rendite und Risiko verschlechtert hat. Die Alternativen in diesem Bereich sind daher mehr denn je rar gesät.

Die Märkte dürften zunächst eingekeilt bleiben

Die Aussicht auf weiter sinkende und auf absehbare Zeit niedrig bleibende Zinsen stützt momentan die Kurse, während die politischen Risiken weitere substanzielle Anstiege verhindern. Allen voran ist hier der Handelsstreit zwischen den USA und China zu nennen. Zwar profitierten Aktien in den ersten Handelstagen im Juli von den positiven Signalen beider Parteien nach dem G20-Gipfel, allerdings hat die Vergangenheit bereits gezeigt, dass die Stimmung unvermittelt wieder kippen kann. Je länger hier keine endgültige Lösung gefunden wird, desto stärker wird sich der Zollkonflikt negativ auf die weltweite konjunkturelle Dynamik auswirken, da die Investitionsbereitschaft der Unternehmen in der aktuell unsicheren Phase natürlich gering bleibt.
 
Ferner ist zu beachten, dass auch Europa zu den „Lieblingszielen“ Donald Trumps gehört und der Handelsstreit USA/Europa aktuell zwar weniger prominent geführt wird, jedoch weiterhin schwelt. Mittelfristig, das heißt mit Blick auf den US-Wahlkampf 2020, rechnen wir zwar mit positiven Ergebnissen bzw. „Deals“ mit den jeweiligen Handelspartnern, die Trump dann ausschweifend als seinen Erfolg präsentieren kann. Bis dahin belastet die Unsicherheit jedoch die wirtschaftliche Entwicklung. Der Iran-Konflikt scheint sich zudem weiter zuzuspitzen. Eine Eskalation hätte vor allem Einfluss auf den Ölpreis und über diesen Weg auch auf die Weltkonjunktur.
 
Zu guter Letzt seien auch Risiken genannt, an welche sich die Anleger fast schon gewöhnt haben: Die Situation rund um den Brexit ist nach dem Rücktritt Theresa Mays undurchsichtiger denn je und die strukturellen Probleme in Europa, allen voran in Italien, werden uns wohl noch die nächsten Jahre stets begleiten.
 
Übergeordnet betrachtet spricht unseres Erachtens insgesamt vieles dafür, dass die Märkte nach den Kursgewinnen nun erst einmal durchatmen und zwischen positiven und negativen Faktoren eingekeilt bleiben. Wir favorisieren was Aktien betrifft daher momentan eine neutrale Gewichtung. In Richtung Jahresende sehen wir zwar Chancen, gegenüber den aktuellen Ständen leicht höhere Notierungen erreichen zu können. Vor allem im dritten Quartal könnte es aber temporär ungemütlich werden. Senkt die amerikanische Notenbank im Juli beispielsweise nicht wie erwartet die Zinsen, kann dies die Kurse weltweit unter Druck setzen.
Thomas Metzger (40) ist seit 11 Jahren Leiter Vermögensverwaltung beim Stuttgarter Bankhaus Bauer. Bereits zuvor war er im Portfolio Management, Wertpapierhandel und Aktien-Research sowie für mehrere Banken in den USA tätig. Zusätzlich doziert er an mehreren Hochschulen zu den Themengebieten Portfolio Management und derivative Finanzinstrumente. Bei einem breiten Publikum hat sich Metzger durch seine zahlreichen TV-Interviews, Fachbeiträge etc. einen Namen als Investmentspezialist gemacht.