Dekarbonisierung in China –Sind die Ziele ausreichend?

Gokce Bulut, BMO GAM
Gokce Bulut / Bild: BMO GAM
China hat das Ziel formuliert, bis 2060 kohlenstoffneutral zu sein. Doch wird das Land mit seinen bisher definierten Maßnahmen und Vorgaben dieses Ziel tatsächlich erreichen können? Wir haben uns die Details des aktuellen Fünfjahresplans der chinesischen Regierung angesehen.
Eine große Herausforderung bei der Bewältigung des Klimawandels ist es, ein Gleichgewicht zwischen der anhaltenden wirtschaftlichen Entwicklung Chinas und seiner zentralen Rolle bei der Reduzierung der weltweiten Kohlenstoffemissionen zu finden. Der kurze Zeitrahmen, in dem China die  Kohlenstoffneutralität erreichen muss, ist ein hochgestecktes Ziel. Dies insbesondere, da China,  im Vergleich zur EU, stärkere wirtschaftliche Wachstumsaussichten und die damit verbundene zusätzliche Industrieproduktion aufweist.
Wie der jüngste Bericht des Internationalen Ausschusses für Klimaänderungen (IPCC) deutlich macht, besteht dringender Handlungsbedarf. Ohne eine umfassende Verringerung der Treibhausgasemissionen wird es unmöglich sein, den Temperaturanstieg auf 1,5 °C oder sogar 2 °C zu begrenzen.
 
Kurzum, wir hätten von China insgesamt aggressivere Ziele erwartet, vor allem in Anbetracht seiner Schlüsselrolle bei der Verwirklichung der globalen Kohlenstoffreduktionsziele und der technologischen und industriellen Ressourcen, über die es verfügt.

Fünfjahresplan macht Hoffnung

Was uns allerdings optimistisch stimmt, ist der Fünfjahresplan Chinas. Die Regierung ist nicht an   kurze Wahlzyklen gebunden, die andere Regierungen dazu verleiten können, unrealistische Ziele zu setzen, nur um Wahlen zu gewinnen. Außerdem wird erwartet, dass die Temperaturen in China stärker  steigen werden als im weltweiten Durchschnitt, was die Wahrscheinlichkeit von nationalen Dürren, Überschwemmungen und Hitzewellen erhöht. Es liegt somit in Chinas eigenem Interesse, jetzt zu handeln.
 
Zu den weiteren strategischen Vorteilen Chinasgehören:
  • Erhöhte  Energiesicherheit - Autarkie  steht  ganz oben  auf  der  chinesischen  Agenda; der Großteil der Energie in China stammt aus fossilen Brennstoffen, und in den letzten Jahren sind die Importe gestiegen.
  • Beibehaltung der Führungsposition bei sauberen Technologien - es ist unwahrscheinlich, dass China seine Position als weltweit führender Hersteller von Elektroautos, Windturbinen und Solarmodulen aufgeben will.
  • Verbesserung  der  Luftqualität - dies ist ein zentrales Anliegen der chinesischen Bürger, denn die Luftverschmutzung verursacht jedes Jahr schätzungsweise 500.000 vorzeitige Todesfälle in China.

Balanceakt zwischen Umwelt und Wirtschaf

Auch wenn die Kohlenstoffneutralität Vorteile für die Umwelt und Gesellschaft mit sich bringt, ist ein sorgfältiges Management erforderlich, um diewirtschaftlichen Einschränkungen zu minimieren. Trotz des enormen Anstiegs des durchschnittlichen Jahreseinkommens verdienen Millionen von Menschen in China immer noch weniger als 5,50 Dollar pro Tag. Versuche, die Einkommensungleichheit zu bekämpfen, müssen mit Emissionssenkungen in Einklang gebracht werden. China ist ein riesiges Land mit einer Vielzahl regionaler Unterschiede, das sich mit der Weiterentwicklung, der Wirtschaftspolitik und dem Klimawandel auseinandersetzen muss. Eine Dekarbonisierung wird beispielsweise in Regionen, die auf Schwerindustrie und Kohlekraft angewiesen sind, schwieriger sein.
 
Im jüngsten Fünfjahresplan wird die Bedeutung des Klimawandels direkt hervorgehoben. Und um es diplomatisch zu formulieren: wo die chinesische Regierung vorangeht, wird der Rest des  Landes  folgen. In einer Umfrage des dänischen Ökoenergieunternehmens Ørsted stimmten über 90 Prozent der befragten Chinesen zu, dass es wichtig ist, eine Welt zu schaffen, die mit erneuerbaren Energien betrieben wird. Und die chinesische Regierung scheint bei der Bekämpfung des Klimawandels ein gutes Gespür für die Meinung der Bevölkerung zu haben: In der jüngsten Zusammenfassung des   Vorsitzes der fünften Ministerkonferenz zum Klimaschutz - einer offiziellen Quelle der Regierung - heißt es: "Die Bürger und insbesondere die Jugend fordern eine größere Dringlichkeit."
 
Als größter CO2-Emittent ist es für China ein gewaltiges Unterfangen, kohlenstoffneutral zu werden. Doch es ist dringend notwendig, denn der Klimawandel kann nur global erfolgreich bekämpft   werden. Erfreulicherweise hat China seine früheren Ziele in Bezug auf Energieeffizienz und Emissionsreduzierung in der Regel erreicht, was auf ein langjähriges Engagement für nachhaltiges Wachstum hinweist.
Gokce Bulut ist Portfolio Manager des LGM Responsible Global Emerging Markets bei BMO GAM