Geldpolitik: EZB hält an Nullzinspolitik fest

Mondher Bettaieb, Vontobel Asset Management
Mondher Bettaieb / Bild: Vontobel Asset Management
  • Ton der EZB bei der gestrigen Notenbank-Sitzung weniger gemäßigt als erwartet
  • Alle Optionen der EZB offen, aber keine Zinsveränderung vor 2020 in Aussicht
  • Anleihenkäufe und Zinssenkungen nach wie vor möglich, vor allem dann, wenn die US-Notenbank Fed ihre Zinsen infolge der Handelsspannungen wieder senken würde
  • TLTRO Pricing wird moderat bleiben und Banken sollten in der Lage sein, sich günstig Kapital verschaffen zu können, was für überschüssige Liquidität im System sorgen sollte
Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, hielt sich bei der gestrigen Sitzung alle geldpolitischen Optionen offen. Die Zentralbank hob die Wachstumsprognose für die Europäische Union für dieses Jahr von 1,1 auf 1,2 Prozent an, während sich die weiteren Aussichten nicht wesentlich verschlechterten. Infolgedessen fiel der Ton der EZB etwas weniger gemäßigt aus, als erwartet. Gleichzeitig wies Mario Draghi darauf hin, dass eine Normalisierung der EZB-Politik noch in weiter Ferne liegt, da wir uns gegenwärtig in einer Welt bewegen, die sich von vorherigen Entwicklungen gänzlich unterscheidet. Dies rechtfertige eine längerfristige Niedrigzinspolitik. Somit ist es wahrscheinlich, dass die EZB die Zinsen bis Mitte 2020 unangetastet lassen wird. Auch nach einer ersten Zinserhöhung
werden Reinvestitionen auslaufender Anleihen über einen längeren Zeitraum hinweg fortgesetzt. Dieser Zeitraum beträgt in der Regel ein Jahr. Das bedeutet, dass bis mindestens Mitte 2021 mit Reinvestitionen von rund 200 Milliarden Euro pro Jahr zu rechnen ist, was sehr positiv wäre.

Die Zeichen stehen eher auf Zinssenkung

Mario Draghi betonte zudem mehrmals, dass Zinssenkungen und erneute Anleihenkäufe weiterhin durchaus praktikable Optionen seien, um das System zu stützen – vor allem, wenn die US-Notenbank Fed die Zinsen infolge anhaltender Handelsspannungen zwischen den USA und China wieder senken würde. Zinssenkungen sind eine Absicherungsstrategie der Fed und dienen dazu, die Weltwirtschaft auf einem nachhaltigen Wachstumspfad zu halten. Schließlich gibt es derzeit viele Handelsunsicherheiten, die eine Zinssenkungen rechtfertigen würden, obwohl die Verbraucherausgaben auf beiden Seiten des Atlantiks in guter Verfassung sind und widerstandsfähig erscheinen.
 
Die TLTRO-Preisgestaltung wird basierend auf dem Hauptrefinanzierungssatz (MRO-Satz) minus 10 Basispunkten errechnet. Das derzeitige Niveau ist für die Banken nach wie vor von Vorteil. Banken, die ihre Kreditziele überschreiten, könnten sich frisches Kapital zu noch günstigeren Konditionen beschaffen (im Moment variieren diese Kosten zwischen -0,3 Prozent und +0,1 Prozent). Dies ist positiv für die Banken und zielt darauf ab, den Privatkonsum in Europa zu stützen.

Quantitative Easing als Vorsorgemaßnahme?

Für die europäischen Staatsanleihen- und Kreditmärkte ist das durchaus positiv, da das neue TLTRO letztendlich Überschussliquidität schaffen und so sicherstellen wird, dass sich die Banken günstig refinanzieren können. Dies hat unter anderem zur Folge, dass es weniger Emissionen von Bankanleihen geben wird. Mario Draghi ließ auch die Möglichkeit offen, dass sich die Diskussion um die Zinssenkung oder zusätzliches quantitative Easing schnell konkretisieren könnte, und zwar nicht, weil sich die europäische Wirtschaft abschwächt, sondern als reine Vorsorgemaßnahme.
Mondher Bettaieb, Head of Corporate Credit bei Vontobel Asset Management