Trotz Marktkorrektur sollten Anleger jetzt vorsichtig bleiben

Benjamin Melman, Edmond de Rothschild
Benjamin Melman / Bild: Edmond de Rothschild Asset Management
Im Mai legten die globalen Finanzmärkte den Rückwärtsgang ein. Bei solch einer Entwicklung sollte man stets prüfen, ob sich angesichts der günstigeren Einstiegsmöglichkeiten zusätzliche Risiken lohnen. Gerade jetzt erscheint dies besonders verlockend, da die seit Jahresanfang beobachtete Rally noch länger andauern könnte.

Risiko eines Handelskrieges

Dennoch bleiben wir skeptisch. Denn der jüngste Marktrückgang war nur relativ schwach ausgeprägt, und die Gründe für unsere vorsichtige Haltung aus dem vorangegangenen Monat sind nach wie vor gültig: Kurzfristig droht ein Handelskrieg, und der Markt ist aufgrund massiver Shorts bei VIX-Volatilitätskontrakten riskanter geworden, während mittelfristig die Anzeichen für ein Ende des aktuellen Wirtschaftszyklus zunehmen. Die derzeitigen Marktbewertungen sind nicht übertrieben, aber andererseits auch nicht ausgesprochen günstig, zumal sich der Zyklus in einer reifen Phase befindet.
 
Die Märkte haben das erhöhte Risiko eines Handelskrieges berücksichtigt. Aber wir vermuten, dass die protektionistische Rhetorik zumindest bis zu den nächsten US-Präsidentschaftswahlen fortgeführt wird, da Donald Trump der Ansicht ist, dass ihm genau dies Stimmen einbringt. Sobald ein Abkommen mit China unterzeichnet ist, wie minimal auch immer es ausfällt, wird die darauffolgende Ruhe Trump die Möglichkeit geben, sich dem Automobilimport und dem Handel mit Europa zuzuwenden. Die USA decken bereits jetzt einen bedeutenden Anteil ihres Automobilbedarfs aus dem Ausland. Falls das NAFTA 2.0-Abkommen unterzeichnet werden sollte, wären US-Kraftfahrzeugproduzenten aufgrund höherer Produktionskosten noch weniger wettbewerbsfähig.
 
Hinzu kommt nach unserer Ansicht: Die zuletzt bei Einkaufsmanager- und Wirtschaftsklimaindizes ermittelten Werte haben die Hoffnung der Anleger, dass sich China und Europa in der zweiten Jahreshälfte erholen, leicht gedämpft.

Lockerung der Geldpolitik

Ein Unterschied zu früheren Wirtschaftszyklen besteht allerdings darin, dass diesmal die Zentralbanken gewillt sind, den Aufschwung länger fortzusetzen, indem sie die Geldpolitik wieder lockern. Zu bedenken ist aber, dass die Unterstützung der Fed nicht grenzenlos ist. Die aktuelle Position der US-Notenbank ist neutral und die von Anlegern erwartete Zinssenkung um 25 Basispunkte bis zum Jahresende 2019 ist unserer Ansicht nach nur eine Wette von Investoren, die sich nicht auf konkrete Aussagen der Fed stützt. Um einen tatsächlichen Eingriff der Zentralbank zu bewirken, müsste sich das US-Konjunkturumfeld deutlicher verschlechtern. Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass die Unterstützung der Fed von den Finanzmärkten bereits vollständig eingepreist ist.
 
Angesichts dieses Umfelds sind unsere Fondsportfolien weiterhin vergleichsweise vorsichtig aufgestellt. Zudem haben die Experten die Gewichtung des US-Dollars leicht erhöht, um auf den gestiegenen politischen Druck bei Themen wie internationalem Handel, Brexit und Iran-Konflikt angemessen zu reagieren.

Benjamin Melman ist Chief Investment Officer Asset Allocation und Sovereign Debt bei Edmond de Rothschild.