Wachsender Einfluss von Nachhaltigkeitskriterien auf den Kapitalmarkt

Dr. Christine Bortenlänger und Dr. Gerrit Fey, Deutsches Aktieninstitut e.V. (DAI)
Dr. Christine Bortenlänger und Dr. Gerrit Fey / Bild: Deutsches Aktieninstitut
Anfang September 2018 sorgte die Nachricht für Aufsehen, dass der staatliche Pensionsfonds des Königreichs Norwegen seine Investmentstrategie neu ausrichtet. Der größte Staatsfonds der Welt investiert zukünftig nur noch in Unternehmen, die an Lösungen für ein umweltfreundliches Wirtschaften interessiert sind. Auch bei anderen großen Investoren spielen Nachhaltigkeitskriterien für ihre Investmententscheidungen eine immer größere Rolle. So hat der Gründer und Vorstandsvorsitzende des Vermögensverwalters Blackrock, Larry Fink, bereits 2017 in einem Brief an die CEOs weltweit agierender Unternehmen betont, dass Unternehmen langfristig nur dann erfolgreich sein können, wenn sie nicht nur gute finanzielle Leistungen erbringen, sondern auch zeigen, dass sie einen positiven Beitrag für die Gesellschaft leisten.

Nachhaltigkeitskriterien aus Investorensicht

Die kürzlich vorgestellte Studie des Deutschen Aktieninstituts und Rothschild & Co „ESG from the perspectives of institutional investors – What listed companies should know“ bestätigt den Trend, dass sich die Sichtweise und die Anforderungskriterien institutioneller Investoren verändern. Basierend auf 18 Interviews mit institutionellen Investoren mit einem verwalteten Vermögen von insgesamt 14,4 Billionen Euro, darunter zehn der 20 größten Investoren des DAX und MDAX, ermöglicht die Studie einen umfassenden Blick hinter die Kulissen der Investmententscheidungen professioneller Anleger.
 
So zeigt die Studie, dass der Einfluss von Umwelt-, sozialen und Governance-Faktoren (Environmental-Social-Governance, ESG) auf die Kapitalallokation großer institutioneller Vermögensverwalter steigt. Investoren nutzen ESG-Faktoren primär, um bei ihren Investmententscheidungen Risiken zu identifizieren, aber auch um Investmentchancen auszuloten. Governance-Themen kommt unter den ESG-Kriterien häufig die bedeutendste Rolle zu. Ohne gute Unternehmensführung, so die Ansicht, können Umwelt- und soziale Themen auch nicht vernünftig adressiert werden. Hier sind es vor allem Klimarisiken, die in der Breite von den Investoren beobachtet und bewertet werden.

Themenvielfalt im Bereich ESG

Auszug aus der Studie, S. 36
Die Ansätze, wie und in welchem Umfang ESG-Kriterien bei den Investmententscheidungen der Asset Manager eingesetzt werden, unterscheiden sich allerdings stark voneinander. Während einige Investoren sehr auf die Messung spezifischer Ziele fokussiert sind oder eine spezielle Nachhaltigkeitsagenda verfolgen, beziehen andere ESG-Kriterien neben vielen anderen Faktoren ein, um die Anlageentscheidung auf eine breite Basis zu stellen.
 
Um informierte Entscheidungen zu treffen, greifen die Investoren nicht nur auf die großen Datenanbieter wie MSCI, Sustainalytics und Bloomberg zurück, sondern sie nutzen auch die Unternehmenswebseiten und -berichte als Informationenquellen. Obwohl die Datenlage bei den Unternehmen aus Sicht der Investoren sich verbessert hat, wünscht sich eine Reihe von Investoren, die nichtfinanziellen und finanziellen Zahlen besser zu verknüpfen.

Herausforderungen für Unternehmen

Die Entwicklung hin zu einer ganzheitlicheren Betrachtungsweise erfolgt nicht nur bei ausgewählten Investoren mit Spezialfokus, sondern immer stärker auch bei institutionellen Investoren insgesamt. Forciert wird diese Entwicklung von einem allgemeinen Umdenken in Bezug auf Klima und Umweltfragen in Politik und Gesellschaft. Zudem wächst die Erwartung der Kunden an die Asset Manager, ökologische und soziale Belange bei ihren Investmententscheidungen zu berücksichtigen.
 
Unternehmen sollten sich dieser Veränderungen bewusst sein. Sie stehen dabei vor der Herausforderung, dass die Entwicklung facettenreich ist und sich die Investoren in Herangehensweise und Schwerpunktsetzung erheblich unterscheiden. Auch deshalb sind sie gut beraten, Umweltkriterien, soziale Verantwortung und Governance-Aspekte nicht nur transparent zu kommunizieren, sondern sich auch aus strategischen Gesichtspunkten mit diesen Themen zu beschäftigen. Defizite in diesem Bereich können schon heute Auswirkungen auf Qualität, Breite und Loyalität der Aktionärsbasis haben. Dies kann zu niedrigeren Bewertungen an der Börse führen und letztlich die Gefahr erhöhen, zum Ziel von aktivistischen Investoren zu werden.

Fazit

Große gesellschaftspolitische Themen wie beispielsweise der Klimawandel gehen, wie die Studie „ESG from the perspectives of institutional investors – What listed companies should know“ belegt, nicht spurlos an den Kapitalmärkten vorüber. Die gesellschaftliche Akzeptanz unternehmerischen Handelns wird zunehmend anhand von ESG-Kriterien bewertet und spielt damit für den wirtschaftlichen Erfolg der Unternehmen eine immer größere Rolle. Unternehmen werden sich in diesem Bereich deswegen noch stärker positionieren müssen.
Die Studie „ESG from the perspectives of institutional investors – What listed companies should know“ vom Deutschen Aktieninstitut und Rothschild & Co können Sie hier downloaden
Dr. Christine Bortenlänger ist Geschäftsführender Vorstand, und Dr. Gerrit Fey ist Leiter Kapitalmarktpolitik beim Deutschen Aktieninstitut e.V. in Frankfurt.

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