Der Risikoappetit der Anleger wächst – Gefahr im Verzug?!

Thomas Metzger, Bankhaus Bauer
Thomas Metzger / Bild: Bankhaus Bauer

Die doch überraschende Stärke der Aktienmärkte…

Die deutlichen Kursgewinne des DAX in den ersten Monaten des Jahres haben vor dem Hintergrund zahlreicher Belastungsfaktoren wie bspw. dem Handelskonflikt zwischen den USA und China, dem Brexit-Chaos sowie einer grundsätzlich nachlassenden Dynamik der Weltwirtschaft wohl die wenigstens so erwartet. Nachdem noch im Dezember „Weltuntergangsszenarien“ mit entsprechend starken Kursverlusten bei risikoreicheren Asset Klassen wie bspw. Aktien durchgespielt wurden, kennen die Notierungen insbesondere in den letzten Tagen nur eine Richtung: aufwärts!
 
Was sind die Gründe für diese Rallye? Insbesondere die Entspannungstendenzen im Zollstreit zwischen Amerika und der chinesischen Volksrepublik haben sich positiv bemerkbar gemacht. Hinzu kam ein unerwarteter Schwenk in der Ausrichtung der wichtigen Notenbanken Fed (USA) und EZB (Europa), welcher der nachlassenden wirtschaftlichen Aktivität beider Regionen Tribut zollt: für Aktien tendenziell negative Zinserhöhungen durch die Währungshüter scheinen in 2019 mittlerweile eher unwahrscheinlich. Zu erwähnen sind auch zum Teil überraschend starke Wirtschaftsdaten, die die Ängste vieler Investoren vor einer deutlichen Abkühlung des weltweiten Wachstums etwas zurückdrängen konnten. So überraschte z.B. der Anstieg des amerikanischen und chinesischen Bruttoinlandsprodukts im 1. Quartal 2019, die jüngsten Zuwächse der Einzelhandelsumsätze in den USA sowie solide Umfragen zur Stimmung unter Einkaufsmanagern in China positiv.

…dürfte einige Investoren auf dem falschen Fuß erwischt haben

Dabei sieht weltweit das makroökonomische Bild, welches von einem nach wie vor relativ robustem Wirtschaftswachstum und, vor allem den in den USA, steigenden Unternehmensgewinnen geprägt ist, eigentlich gar nicht so schlecht aus. So lange der Markt aber nicht zumindest ein oder zwei der derzeitigen geopolitischen Bremsklötze überwinden kann, dürfte die übergeordnete Seitwärtsbewegung zunächst anhalten.

Gute Stimmung = Warnsignal?!

Obwohl wir noch weit entfernt von einer gefährlichen Sorglosigkeit - die sich in der Vergangenheit durchaus oft als fatal erwiesen hat - unter den Anlegern sind, sollte der gestiegene Risikoappetit vieler Marktteilnehmer allerdings durchaus als Warnsignal interpretiert werden, zumal die Weltwirtschaft noch nicht „über den Berg“ ist. Gerade in Europa und Deutschland ist doch ordentlich Sand im konjunkturellen Getriebe. Sowohl Stimmungs-Umfragen unter Einkaufsmanagern im verarbeitenden Gewerbe als auch die Auftragseingänge der Industrie verdeutlichen dies. Hier hat das Thema Brexit aber vor allem der sich endlos ziehende Handelsstreit inzwischen deutliche Spuren hinterlassen.

Dabei bleiben, aber genug Pulver trocken halten

Hinzu kommt, dass Aktien keine Schnäppchen mehr sind. Die gestiegenen Kurse haben dafür gesorgt, dass die Bewertung vieler Märkte – also die Relation der Kurse zu den Gewinnen bzw. zukünftigen Gewinnsteigerungen der Unternehmen – teurer geworden ist. Man kauft derzeit zwar nicht auf extremen Niveaus, viel Luft nach oben ist aber kurzfristig wohl nicht mehr.
 
Die doch etwas überkaufte Situation wird viele Marktteilnehmer daher zu Gewinnmitnahmen einladen, die sich kurz- bis mittelfristig zunehmend belastend auf die Märkte auswirken dürften. Wir rechnen zwar mit einem Deal zwischen den USA und China in den nächsten Wochen, dieser sollte allerdings mittlerweile zumindest zum Teil eingepreist sein, also die Kurse nicht mehr extrem antreiben können. Wer also bei Aktien bereits „einen Fuß in der Tür“ hat, kann dabei bleiben und die aktuellen Niveaus oder gar ein (weiteres) Überschießen der Märkte sukzessive nutzen, um Gewinne zu realisieren. Eine Konsolidierung, von der wir ausgehen, würden wir momentan nicht als dramatisch einstufen, sondern vielmehr als ein gesundes „Durchschnaufen“ des Marktes beurteilen und als Möglichkeit sehen, strategische Positionen zu dann wieder attraktiveren Preisen aufzubauen.

Mittel- und langfristig sind die Aussichten konstruktiv – Handelsdeal vorausgesetzt

Denn mittel- und langfristig dürfte sich insbesondere eine Einigung Chinas und der USA in Sachen Zollstreit auf Wachstum und Gewinne auch der deutschen Unternehmenslandschaft positiv auswirken. Zwar werden wir noch einige Monate eher durchwachsene Daten gerade aus dem verarbeitenden Gewerbe sehen. Wir rechnen allerdings nicht mit einer ausgeprägten Rezession sowohl in Deutschland und Europa als auch in den USA. Der Dienstleistungsbereich und der Bausektor bzw. die Binnenkonjunktur halten sich nach wie vor sehr ordentlich und auch die Verbraucher sind gerade in Deutschland dank einer hohen Beschäftigungsquote immer noch in einer guten Stimmung.

Thomas Metzger (40) ist seit 11 Jahren  Leiter Vermögensverwaltung beim Stuttgarter Bankhaus Bauer. Bereits zuvor war er im Portfolio Management, Wertpapierhandel und Aktien-Research sowie für mehrere Banken in den USA tätig. Zusätzlich doziert er an mehreren Hochschulen zu den Themengebieten Portfolio Management und derivative Finanzinstrumente. Bei einem breiten Publikum hat sich Metzger durch seine zahlreichen TV-Interviews, Fachbeiträge etc. einen Namen als Investmentspezialist gemacht.