Trends im Datenwirrwarr erkennen

Dr. Ulrich Kater, DekaBank
Dr. Ulrich Kater / Bild: DekaBank
An den Finanzmärkten geht es zurzeit seitwärts. Die Aktienindizes bewegen sich nahe ihrer Höchststände, und die Staatsanleiherenditen halten sich nach ersten Reaktionen auf die Inflationsüberraschungen auf leicht höheren Niveaus als zuvor. Wie passt das zusammen mit der dritten Welle in der Corona-Pandemie, den Lieferengpässen und den erheblichen Preissteigerungen bei Vorleistungsgütern und Rohstoffen? Offensichtlich bieten die Corona-Impffortschritte sowie die weiterhin klar unterstützenden Maßnahmen seitens der Geld- und Finanzpolitik den Märkten weiterhin eine zuverlässige Perspektive für die Fortsetzung der konjunkturellen Erholung.

Wirrwar an Daten

Dies bedeutet freilich keineswegs, dass die Ruhe an den Finanzmärkten über den Sommer hinweg halten wird. Denn zum einen sind die genannten unterstützenden Rahmenbedingungen größtenteils in den Kursen an den Aktien- und Rentenmärkten enthalten, und zum anderen erwartet uns bei den Konjunktur- und Inflationsdaten ein regelrechter Wirrwarr. Dies dürfte zu einer Bewährungsprobe für die Erholungsperspektive werden und könnte kräftigere Schwankungen an den Märkten auslösen. Konkret haben beispielsweise einige nationale Einkaufsmanagerindizes für das verarbeitende Gewerbe historische Höchststände erreicht. Hier dürften die Antworten der Unternehmen von der einsetzenden Nachholbewegung nach der Corona-Durststrecke getrieben sein. Diese Stimmungsindikatoren dürften im Frühsommer erst einmal wieder den Rückzug antreten. Der jüngst für die USA gemeldete ISM Index könnte hierfür mit seinem Rückgang für April ein früher Vorbote sein. Auch die derzeit noch extrem hohen Vorjahreszuwächse bei den Einzelhandelsumsätzen, Auftragseingängen und der Produktion werden in den kommenden Monaten wegen der statistischen Basiseffekte wieder geringer ausfallen, und zwar teilweise schlagartig und in erheblichem Ausmaß. Ein prominentes Beispiel hierfür ist die sogenannte Fiskalklippe, die dadurch entsteht, dass von der US-Regierung an die privaten Haushalte verschickten Schecks bald ausgegeben sein werden und der private Konsum wieder auf sein vorheriges Niveau zurückfällt.

Kommunikative Herausforderung für Notenbanken

Mehr noch ziehen die im Jahresverlauf weiter steigenden Inflationsraten die Aufmerksamkeit auf sich. Es wird eine große kommunikative Herausforderung für die Notenbanken werden, dies mit vorübergehenden Einzel- und Sondereffekten zu erklären. Wenngleich wir in unserer Inflationsprognose ebenfalls davon ausgehen, dass die Preisentwicklung ab Anfang 2022 wieder sehr moderat sein wird, rechnen wir doch damit, dass die Diskussionen an den Märkten über ein frühzeitigeres Zurückfahren der Anleihekäufe und zügigere Leitzinserhöhungen im Sommer noch lauter werden, als sie es derzeit schon sind.
 
Der durch die Corona-Auswirkungen verursachte Datenwirrwarr wird noch eine ganze Weile anhalten und den Blick auf unsere grundsätzlich konstruktiven Kapitalmarktperspektiven zwischenzeitlich vernebeln. Neue Trends für die Finanzmärkte über den Sommer auszumachen, wird insofern keine leichte Aufgabe sein.

Die wichtigsten Prognoserevisionen und Änderungen

  • Deutschland: BIP 2022: 4,1 Prozent (bisher: 3,7 Prozent); Inflation 2021: 2,5 Prozen (bisher: 2,6 Prozent).
  • Euroland: BIP 2022: 4,0 Prozent (bisher: 3,8 Prozent); Inflation 2021: 1,6 Prozent (bisher: 1,5 Prozent).
  • USA: BIP 2022: 3,6 Prozent (bisher: 3,2 Prozent).
  • Renten Euroland: Stärkerer Renditeanstieg in den längeren Laufzeitbereichen.
  • Rohöl: Aufwärtsrevision der 3- und 6-Monatsprognose.
  • Aufwärtsrevision der BIP-Prognosen für Mexiko und Südkorea; Abwärtsrevision für Indien, Indonesien und die Türkei.

Die Konjunktur in den Industrieländern

Deutschland
Es war eine schwierige Geburt. Inzwischen zeichnet sich immerhin ab, dass es der Politik gelungen ist, die dritte Corona-Welle zu brechen. Mit sinkenden Neuinfektionen und ansteigenden Impfzahlen wachsen die Hoffnungen auf ein Ende des Lockdowns. Doch für dieses ist es noch zu früh. Das Wachstum im zweiten Quartal wird noch durch die Beschränkungen ausgebremst werden. Außenwirtschaftlich brummt es derweil, was die deutschen Exporte beflügelt. Allerdings ist die globale Erholung so stark, dass es zu Engpässen bei der Versorgung mit Vorprodukten und bei den Transportkapazitäten kommt. Diese bremsen die Industriekonjunktur in Deutschland trotz rekordhoher Auftragsbestände. Gleichwohl, aufgeschoben ist nicht aufgehoben: Im zweiten Halbjahr sollte sich dieser Engpass-Knoten lösen und für einen zusätzlichen Impuls sorgen.
Prognoserevision: Bruttoinlandsprodukt 2022: 4,1 Prozent (bisher: 3,7 Prozent); Inflation 2021: 2,5 Prozent (bisher: 2,6 Prozent)
Euroland
Die Corona-Pandemie bestimmte auch zum Jahresstart 2021 die konjunkturelle Entwicklung. Laut Veröffentlichung der vorläufigen Schnellschätzung von Eurostat ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Euroland nach einem Rückgang im Vorquartal um 0,7 Prozent nun im ersten Quartal 2021 um 0,6 Prozent im Vergleich zum Vorquartal (qoq) erneut geschrumpft. Die Länderdaten signalisieren, dass der private Konsum ein dämpfender Faktor für die schwache gesamtwirtschaftliche Entwicklung war. Während von den vier großen EWU-Volkswirtschaften Deutschland mit -1,7 Prozent qoq, Spanien mit -0,5 Prozent qoq und Italien mit -0,4 Prozent qoq allesamt BIP-Rückgänge verzeichneten, ist Frankreich mit beachtlichen +0,4 Prozent qoq gewachsen.
Prognoserevision: Bruttoinlandsprodukt 2022: 4,0 Prozent (bisher: 3,8 Prozent); Inflation 2021: 1,6 Prozent (bisher: 1,5 Prozent).
USA
Nach inoffiziellen Berechnungen ist das monatliche Bruttoinlandsprodukt im März um 2,6 Prozent gegenüber dem Vormonat angestiegen. Hintergrund hierfür ist die Fiskalhilfe des sechsten Corona-Hilfspakets. Hiervon profitierte vor allem der private Konsum. Darüber hinaus sorgte aber auch eine Abnahme der Restriktionen für einen Schub. Diesen extrem starken Nachfrageanstieg konnten die Unternehmen mit ihrer Produktion nicht vollständig bedienen, sodass die Lagerinvestitionen schrumpften und für negative Wachstumsbeiträge sorgten. Im weiteren Jahresverlauf wird der abnehmende Fiskalschub die wirtschaftliche Entwicklung belasten. Dem stehen weitere lockerungsbedingte Wachstumsimpulse sowie eine Normalisierung der Lageraktivität gegenüber.
Prognoserevision: Bruttoinlandsprodukt 2022: 3,6 Prozent (bisher: 3,2 Prozent).

Ausgewählte Märkte Industrieländer

Aktienmarkt Deutschland
Die im DAX notierten Unternehmen haben im ersten Quartal 2021 dank des rasanten Aufholprozesses der globalen Wirtschaft hervorragende Ergebnisse erzielt. Diese übertreffen die in den vergangenen Wochen bereits nach oben angepassten Erwartungen deutlich. Eine große aufgestaute Nachfrage sowie hohe Auftragsbestände sprechen dafür, dass sich das gute unternehmerische Umfeld auch im weiteren Jahresverlauf fortsetzen sollte. Mit deutlich ansteigenden Geimpftenzahlen und den damit einhergehenden Lockerungen wird sich der Aufholprozess bei den Unternehmensgewinnen zudem weiter verstetigen. Vor dem Hintergrunddieser positiven fundamentalen Perspektiven bleiben die Aktienkurse trotz leicht erhöhter Bewertungen gut unterstützt. Kurskorrekturen sind über die Sommermonate zwar zu erwarten, diese dürften in einem sich dynamisch verbessernden wirtschaftlichen Umfeld aber sowohl zeitlich als auch vom Ausmaß her begrenzt ausfallen.
Prognoserevision:
Rentenmarkt Euroland
In weiten Teilen der Welt nimmt die wirtschaftliche Erholung an Fahrt auf und vor allem im verarbeitenden Gewerbe verdichten sich die Anzeichen für Preisdruck. Der daraus resultierende Anstieg der Renditen langlaufender Staatsanleihen macht auch vor der Eurozone nicht Halt. Zwar versucht die EZB, dem mit verstärkten Wertpapierkäufen entgegenzuwirken. Sie dürfte hiermit jedoch nur bedingt Erfolg haben, da ihre Bereitschaft, das PEPP bei Bedarf aufzustocken und zu verlängern, keine hohe Glaubwürdigkeit genießt. Demgegenüber rechnen wir in den kurzen und mittleren Laufzeitbereichen mit vorerst wenig steigenden Renditen. Denn die EZB dürfte erst in einer späteren Phase des geldpolitischen Ausstiegs mit Leitzinserhöhungen beginnen, und die weiterhin grundsätzlich niedrige Inflation sollte die diesbezüglichen Erwartungen begrenzen.
Prognoserevision: Stärkerer Renditeanstieg in den längeren Laufzeitbereichen.
Dr. Ulrich Kater studierte Volkswirtschaftslehre an den Universitäten Göttingen und Köln. Promotion 1995 am Finanzwissenschaftlichen Lehrstuhl der Universität zu Köln, daneben Lehr- und Forschungstätigkeit an der Universität Köln, der Fachhochschule Köln und der European Business School. Von 1995 bis 1999 war Kater im Stab der »fünf Wirtschaftsweisen« für die Themen Geldpolitik und Kapitalmarkt verantwortlich.  Seit 1999 Mitarbeit am Aufbau der Volkswirtschaftlichen Abteilung der DekaBank, seit 2004 Chefvolkswirt der DekaBank, Vorsitzender der Kommission Wirtschaft und Finanzen im Verband Öffentlicher Banken seit 2006. Weitere Lehraufträge an der Universität Witten-Herdecke und der Zeppelin University Friedrichshafen. Er ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zu den Themen Geldpolitik, Währungspolitik, internationale Kapitalmärkte, Finanzpolitik, Alterssicherungssysteme und internationaler Dienstleistungshandel, etwa: »100 Konjunkturindikatoren«, Cometis-Verlag, 2008, »Handbuch Europäische Zentralbank«, Uhlenbruch-Verlag 2005.
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